
Strom-Frust statt Garantie: Merz-Regierung lässt Betriebe hängen!

Im Juli versprach die schwarz-rote Koalition der deutschen Industrie eine feste Frist für den Anschluss ans Stromnetz. Im parlamentarischen Verfahren zum sogenannten Netzanschlusspaket ist davon nichts mehr übrig. Ein Aktionsbündnis aus Niedersachsen schlägt deshalb Alarm, und hinter ihm stehen Unternehmen im ganzen Land.
Brandbrief an die Mittelstandsbeauftragte
Der Brief ging an Gitta Connemann (CDU), die Mittelstandsbeauftragte der Bundesregierung. Unterschrieben haben Firmen aus Energiewirtschaft und Industrie sowie mehrere Landkreise. Medienberichten zufolge heißt es darin:
„Wo ein zeitnaher Netzanschluss nicht verfügbar ist, werden Investitionen verschoben, reduziert oder ganz aufgegeben.“
Das ist mehr als ein Hilferuf. Die Unterzeichner warnen davor, dass der Standort Kapital verliert. Die geplanten Verfahren seien langwierig und teilweise freiwillig. Außerdem ließen sie sich zwischen den vielen Netzbetreibern kaum vereinheitlichen. Wer investieren wolle, bekomme damit keine schnelle und belastbare Perspektive.
Neue Regeln für den Mangel
Das Bundeskabinett hat den Entwurf am 29. Juli 2026 beschlossen. Das Wirtschaftsministerium wirbt mit dem Motto „first ready, first served“. Künftig soll also der Reifegrad eines Projekts zählen und nicht mehr nur der Zeitpunkt des Antrags. Das ist durchaus sinnvoll. Nur baut auch die beste Warteliste keinen einzigen zusätzlichen Transformator.
Wie es in der Praxis aussieht, zeigt Hamburg. Dort führen die Hamburger Energienetze für neue Anschlüsse ab 1,5 Megavoltampere ein sogenanntes Repartierungsverfahren ein. Bisher galt das Windhundprinzip: Wer zuerst kam, wurde zuerst bedient. Reicht die Leistung künftig nicht für alle, wird sie unter den Antragstellern aufgeteilt. Planwirtschaft beim Strom – ausgerechnet im Industrieland Deutschland.
Die Warteschlange wird immer länger
Wie viele Betriebe genau warten, weiß niemand. Die Zahlen sind trotzdem enorm:
- Das Beratungsunternehmen AFRY schätzt die Zahl der Projekte über einem Megawatt, die auf einen Anschluss ans Verteilnetz warten, auf rund 40.000.
- Bei den vier Übertragungsnetzbetreibern lagen Ende September 2025 laut Bericht 717 Anträge über rund 270 Gigawatt vor. Davon entfielen 211 Gigawatt auf Großbatteriespeicher.
- Für das Jahr 2025 meldete die Bundesnetzagentur mehr als 18.000 Anfragen für Batteriespeicher über 573,5 Gigawatt. Zugesagt wurden für diese neuen Anfragen nur 33,9 Gigawatt.
Die Behörde schränkt allerdings ein: Viele Projektentwickler melden dasselbe Vorhaben an mehreren Standorten an. Die Warteschlangen wirken dadurch länger, als sie sind. Ein mittelständischer Betrieb, der seine Produktion auf Strom umstellen will, hat davon aber nichts. Er braucht genug Leistung an seinem Standort, und zwar zu einem festen Termin.
Physik lässt sich nicht beschließen
Kritiker sehen ein grundsätzliches Problem. Die Klimapolitik verknappt den Strom aus fossilen Quellen. Steuern und Umlagen verteuern ihn. Gleichzeitig ist das Netz zentral geplant und begrenzt die Kapazitäten. Dazu kommt der Atomausstieg: Mitte April 2023 gingen die letzten drei Kernkraftwerke vom Netz. Damit fehlt verlässliche Grundlast, während Rechenzentren, Wärmepumpen und Industrie immer mehr Strom verlangen.
Ökonomen mit marktwirtschaftlichem Blick schlagen andere Wege vor. Anschlussrechte sollten handelbar sein. Wer eine Anfrage stellt, müsste eine Kaution hinterlegen. Und Netzbetreiber sollten Preise verlangen dürfen, an denen man die Knappheit ablesen kann. Spekulative Mehrfachanträge würden sich dann kaum noch lohnen.
Wieder ein gebrochenes Versprechen
Die Merz-Regierung war mit dem Versprechen eines wirtschaftlichen Aufbruchs angetreten. Jetzt steht eine weitere Zusage nur noch auf dem Papier. Dazu passt das 500-Milliarden-Sondervermögen, das trotz der Ankündigung kam, keine neuen Schulden zu machen. Die Unternehmen ziehen ihre eigenen Schlüsse. Kapital geht dorthin, wo Strom fließt, und nicht dorthin, wo er nur versprochen wird. Bleibt die Frage, wie viele Werkshallen noch in anderen Ländern entstehen müssen, bevor Berlin das begreift.
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