
Strom-Alarm in Washington: USA greifen zum Notfall-Paragrafen!

Die größte Volkswirtschaft der Welt kämpft mitten im Herbst gegen den Blackout. US-Energieminister Chris Wright hat am 12. Oktober 2026 eine Notverfügung für das Stromnetz im Osten der Vereinigten Staaten unterzeichnet. Rund um Washington, Baltimore und Teile Virginias drohte die Versorgung zu kippen. Die Anordnung gilt vom 13. bis 16. Oktober.
Nur 900 Megawatt vom Abgrund entfernt
Im Zentrum steht PJM, der größte Netzbetreiber der USA. Er versorgt ganz oder teilweise 13 Bundesstaaten und die Hauptstadt, Medienberichten zufolge mehr als 67 Millionen Kunden. Am 11. Oktober bat PJM die Regierung offiziell um Hilfe.
Die Zahlen aus dem Antrag lesen sich alarmierend. Für den 14. Oktober rechnete der Betreiber mit einer Spitzenlast von etwa 113.300 Megawatt. Gleichzeitig standen Kraftwerke mit insgesamt 61.591 Megawatt still. Der Puffer zur Reservegrenze hätte auf magere 900 Megawatt schrumpfen können. Das ist etwa so viel, wie ein einziger großer Kraftwerksblock liefert.
Der Großteil der Ausfälle ging auf geplante Wartungen zurück, nicht auf Pannen. Dann kam ein Herbst mit Temperaturen wie im Sommer. Die Klimaanlagen liefen, die Nachfrage stieg, und viele Kraftwerke waren gerade in Revision.
Paragraf 202(c): Wenn Umweltauflagen warten müssen
Die Verfügung Nr. 202-26-50 beruft sich auf Abschnitt 202(c) des Federal Power Act. Damit kann der Energieminister im Notfall tief in den Netzbetrieb eingreifen. PJM darf bestimmte Kraftwerke über ihre üblichen Betriebsgrenzen hinaus laufen lassen. Dazu gehören befristete Ausnahmen von Umweltvorgaben.
Noch bemerkenswerter ist ein anderer Punkt. Der Netzbetreiber darf Großverbraucher wie Rechenzentren und Industriebetriebe anweisen, auf ihre eigenen Notstromaggregate umzuschalten. Gemeint sind Dieselgeneratoren, Batteriespeicher und andere dezentrale Anlagen. Das ist aber nur als letztes Mittel vorgesehen, kurz vor oder während der höchsten Notfallstufe EEA 3. Auf dieser Stufe werden Kunden zwangsweise vom Netz getrennt.
Laut Energieministerium gibt es landesweit mehr als 35 Gigawatt ungenutzter Notstromkapazität. Washington will diese Reserve offenbar systematisch nutzbar machen.
Engpässe auch in den Leitungen
Am stärksten betroffen waren die Netzgebiete von Baltimore Gas and Electric, Pepco und Dominion Energy. Dazu kamen Engpässe auf wichtigen Hochspannungstrassen. Strom war also teilweise vorhanden, kam aber nicht dorthin, wo er gebraucht wurde. Ein Problem, das deutsche Leser gut kennen: Hierzulande fehlen seit Jahren die Leitungen, die Windstrom aus dem Norden in die Industriezentren im Süden bringen sollen.
Entwarnung mit Fragezeichen
Am 13. und 14. Oktober zog PJM die Notbremse. Der Betreiber verlängerte seine Warnungen, drosselte die Abnahme teilnehmender Großkunden, holte Kraftwerke aus der Wartung zurück und begrenzte Lieferungen in Nachbarnetze. Kritisch waren vor allem die Abendstunden. Mit dem Sonnenuntergang brach die Solarstromproduktion ein, und genau dann musste konventionelle Leistung einspringen.
Am 14. Oktober folgte die Entspannung. Für den 15. und 16. Oktober würden die zusätzlichen Kapazitäten voraussichtlich nicht mehr gebraucht, erklärte PJM. Die Verfügung bleibt trotzdem bis zum Ende in Kraft.
Die eigentliche Warnung gilt auch für Deutschland
Der Fall zeigt, wie dünn die Sicherheitsmargen geworden sind. Neue Rechenzentren, vor allem für künstliche Intelligenz, treiben den Verbrauch nach oben. PJM plant einem Reuters-Bericht zufolge deshalb Netzinvestitionen von rund 12,2 Milliarden Dollar.
Und Deutschland? Hier wurden im April 2023 die letzten Kernkraftwerke abgeschaltet, Kohlemeiler sollen folgen. Gleichzeitig will auch die Bundesregierung Rechenzentren und Wärmepumpen ans Netz bringen. Wenn selbst die USA mit ihren Gas- und Kohlereserven ins Schwitzen geraten, stellt sich eine unbequeme Frage: Wie belastbar ist ein Stromnetz, das immer stärker vom Wetter abhängt und immer weniger steuerbare Kraftwerke hat?
In Amerika hat ein warmer Oktober gereicht, um die Regierung zum Notfall-Paragrafen greifen zu lassen. Die Verantwortlichen in Berlin sollten diese Warnung ernst nehmen.
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