
Spiegel-Skandal: Wie ein Hamburger Magazin die Wahrheit über Hochbegabte und Konservatismus verbiegt
Es ist eine dieser Schlagzeilen, die im linksgrünen Milieu für wohlige Bestätigung sorgen: Hochbegabte Männer seien angeblich weniger konservativ als ihre durchschnittlich begabten Geschlechtsgenossen. Genau diese Botschaft transportierte vor wenigen Wochen ein Beitrag des Spiegel, der sich auf eine im Fachjournal Intelligence veröffentlichte Studie berief. Doch jetzt hat das renommierte RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen den Artikel zur „Unstatistik des Monats" gekürt – und damit eine herbe publizistische Ohrfeige verteilt.
Wenn Wissenschaft zur ideologischen Munition wird
Die Forscher des RWI nehmen kein Blatt vor den Mund. Die zugespitzte Botschaft des Spiegel halte „einer genaueren Betrachtung jedoch nur eingeschränkt stand", heißt es in der am Donnerstag veröffentlichten Pressemitteilung. Was bei nüchterner Betrachtung der Daten bleibt, ist nicht viel mehr als ein statistisches Rauschen, das medial zur Schlagzeile aufgeblasen wurde. Die untersuchten Gruppen lagen auf der ideologischen Skala lediglich zwischen 2,45 und 2,93 von fünf möglichen Punkten – ein marginaler Unterschied, der allein bei Männern überhaupt nachweisbar war.
Noch entlarvender wird es bei der politischen Selbsteinschätzung der Probanden: Auf einer Skala von eins bis zehn erreichten sämtliche untersuchten Gruppen Werte zwischen 4,3 und 4,94. Mit anderen Worten: Hochbegabte und durchschnittlich Begabte verorten sich politisch praktisch identisch. „Das relativiert die Schlagzeile erheblich", konstatiert das RWI trocken.
Methodische Schwächen, die der Spiegel verschweigt
Wer die Studie ernsthaft prüft, stößt schnell auf weitere Probleme. Die Stichprobe umfasste gerade einmal 87 Hochbegabte und 71 durchschnittlich Begabte – ein selektives, kleines Sample, aus dem keinerlei kausaler Zusammenhang zwischen Intelligenz und politischer Einstellung abgeleitet werden kann. Die Unterschiede seien zwar statistisch signifikant, so das RWI, aber „ziemlich gering". Daraus jedoch eine Schlagzeile zu zimmern, die Konservative gleich noch als geistig minderbemittelt erscheinen lässt, ist journalistisch unredlich.
Besonders pikant: Der Spiegel verschwieg laut RWI eine zentrale Erkenntnis der Studie. Denn die Daten zeigen, dass alle untersuchten Gruppen – unabhängig von Intelligenz oder Geschlecht – höhere Zustimmungswerte zu Liberalismus und Sozialismus aufweisen als zum Konservatismus. Dieser Unterschied zwischen den Skalen sei weit größer als jener zwischen den Gruppen, um den es in der Spiegel-Schlagzeile ging. Eine vielleicht spannendere Geschichte – aber eben keine, die ins gewünschte Narrativ passt.
Quellenarbeit nach Gutsherrenart
Das RWI lässt auch an der handwerklichen Qualität des Spiegel-Beitrags kein gutes Haar. Im Artikel werde behauptet, „allgemeinere Studien" hätten einen Zusammenhang zwischen höherer Intelligenz und „linksgerichteter Orientierung" nachgewiesen. Tatsächlich aber führe der Verweis lediglich zurück zu derselben Studie. Eine unabhängige Quellenprüfung habe „offenbar nicht stattgefunden", so die deutliche Kritik. Wer so arbeitet, der recherchiert nicht – der bestätigt sich selbst.
Selbst die Studienautoren um den Psychologen Maximilian Krolo interpretieren ihre Ergebnisse zurückhaltender als der Spiegel. Der beteiligte Wissenschaftler Jörn Sparfeldt betonte, hochbegabte Erwachsene seien „zumeist politisch im Mittel ebenso vielfältig und moderat wie der Rest der Bevölkerung". Diese nüchterne Einordnung der Forscher selbst widerspricht der reißerischen Spiegel-Darstellung diametral.
Ein Muster, das System hat
Die Auszeichnung als „Unstatistik des Monats" ist keineswegs ein Einzelfall. Die Initiative, an der unter anderem der Psychologe Gerd Gigerenzer und der Statistiker Walter Krämer beteiligt sind, deckt regelmäßig auf, wie Zahlen verkürzt, verzerrt oder gleich ganz ideologisch instrumentalisiert werden. Dass nun ausgerechnet der Spiegel – einst ein Aushängeschild deutscher Recherche – wegen tendenziöser Darstellung wissenschaftlicher Ergebnisse abgewatscht wird, sagt viel über den Zustand der etablierten Medienlandschaft in Deutschland aus.
Es passt ins Bild: Wenn Studien das gewünschte Narrativ stützen, werden sie groß ausgeschlachtet, Methodikfragen ignoriert und die eigentlichen Aussagen der Forscher umgedeutet. Konservative Bürger werden so still und leise als kognitiv unterbelichtet markiert – ein altes rhetorisches Muster, das wenig mit Aufklärung, aber viel mit Diskursverengung zu tun hat. Wer eine andere politische Meinung vertritt, der wird nicht widerlegt, sondern psychologisch pathologisiert. Eine perfide Methode, die in einer offenen Gesellschaft nichts zu suchen hat.
Was bleibt vom Spiegel-Mythos?
Der Fall zeigt einmal mehr, wie wichtig kritisches Lesen geworden ist. Wer sich heute ein Bild von der Welt machen will, der kann sich nicht mehr blind auf die großen Leitmedien verlassen. Statistiken werden frisiert, Studien selektiv zitiert, und die eigentlichen Ergebnisse verschwinden hinter griffigen Schlagzeilen. Dass es Institute wie das RWI gibt, die diese Praktiken offenlegen, ist ein Glücksfall für den verbliebenen seriösen Diskurs in diesem Land.
Bemerkenswert bleibt am Ende vor allem eines: Wenn schon die Differenzen zwischen Hochbegabten und durchschnittlich Begabten in politischen Fragen verschwindend gering sind, dann sollte man sich vielleicht weniger mit pseudowissenschaftlichen Kategorisierungen aufhalten und mehr mit den tatsächlichen Argumenten der jeweiligen politischen Lager beschäftigen. Doch das wäre wohl zu viel verlangt von einem Magazin, das in den letzten Jahren immer offener seine ideologische Schlagseite zur Schau stellt. Die Auszeichnung zur „Unstatistik des Monats" ist hochverdient – und ein Weckruf für alle, die dem deutschen Medienbetrieb noch unkritisch vertrauen.
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