
Putins Gefangenen-Poker: Warum der Kreml plötzlich Amerikaner verschenkt

Am 21. Oktober hat Russland den 74-jährigen US-Bürger Stephen Hubbard in Sankt Petersburg an Donald Trumps Sondergesandten Steve Witkoff übergeben. Eine Gegenleistung habe es nicht gegeben, versichert das Weiße Haus. Beobachter sehen darin trotzdem kein Geschenk, sondern eine Investition. Gefangene sind für Wladimir Putin die billigste Währung, mit der er in Washington politisches Kapital einkauft.
Ein Lehrer aus Michigan als Faustpfand
Hubbard ist pensionierter Lehrer aus Michigan und diente früher in der US-Nationalgarde und der Luftwaffe. Russische Truppen nahmen ihn kurz nach Beginn der Vollinvasion im Februar 2022 in der Ostukraine fest. Die Moskauer Anklage warf ihm vor, als Söldner für Kiew gekämpft und einen Kontrollpunkt besetzt zu haben.
Im Oktober 2024 verurteilte ihn ein Moskauer Gericht hinter verschlossenen Türen zu sechs Jahren und zehn Monaten Straflager. Seine Familie bestreitet die Vorwürfe und beschreibt ihn als Pazifisten, der nie eine Waffe besessen habe. Washington stufte ihn als „zu Unrecht inhaftiert“ ein. Er war der letzte Amerikaner in Russland mit diesem Status. Nach vier Jahren Haft soll sein Gesundheitszustand schlecht sein, behandelt werden sollte er in einem Militärkrankenhaus in Texas.
„Ein Menschenfreund“: Lob, das irritiert
Witkoff, der in Sankt Petersburg über einen möglichen Waffenstillstand verhandelte, bedankte sich auffallend überschwänglich bei seinem Gastgeber:
„Ihretwegen kehrt er nach Hause zu seiner Familie zurück. Sie sind ein Menschenfreund, Sir.“
Ein Menschenfreund? So nennt man also einen Mann, der einen alten Lehrer erst jahrelang ins Lager steckt und ihn dann gnädig wieder herausgibt. Kein Wunder, dass dieser Satz in Kiew und Brüssel für Kopfschütteln sorgt. Das Timing ist bemerkenswert. Am 8. Oktober sollen Trump und Putin in einem ausgesprochen freundlichen Telefonat einen Diesel-Deal und Erleichterungen bei den Öl-Sanktionen vereinbart haben. Trump unterzeichnete danach eine sechsmonatige Ausnahmeregelung, rückwirkend ab dem 7. Oktober, also ab Putins Geburtstag.
Vom Tauschhandel zum Geschenk
Jahrelang hat Moskau Gefangene gehandelt wie Waren: nur gegen klare Gegenleistung, am liebsten gegen einen eigenen Geheimdienstmann. Unter Trump verändert sich dieses Muster. Die wichtigsten Stationen:
- Dezember 2022: Basketballerin Brittney Griner gegen den Waffenhändler Viktor Bout
- August 2024: Der größte Ost-West-Austausch seit dem Kalten Krieg, unter anderem mit Evan Gershkovich und Paul Whelan
- Februar 2025: Lehrer Marc Fogel kommt als „Geste guten Willens“ frei
- April 2025: Xenia Karelina gegen Arthur Petrow, bislang der letzte echte Tausch
- August 2026: Ex-Marine Robert Gilman kommt nach einem direkten Appell Trumps frei
- Oktober 2026: Stephen Hubbard
Die bittere Lektion für Berlin
Für Deutschland ist das kein abstraktes Thema. Beim Austausch 2024 bekam Moskau Wadim Krasikow zurück. Der FSB-Offizier saß wegen eines Mordes in Berlin-Moabit eine lebenslange Haftstrafe ab. Berlin hatte sich lange gesträubt und gab am Ende doch nach. Der Kreml hatte richtig kalkuliert: Der Westen will seine Leute zurück und zahlt dafür am Ende fast jeden Preis.
Dass Trumps Belarus-Gesandter John Coale rund 300 politische Gefangene gegen Sanktionslockerungen für belarussische Firmen freibekam, macht die Sache brisant. Laut einem Bericht von The Atlantic soll Trump Anfang Oktober Sympathien dafür gezeigt haben, dieselbe Formel auf Russland anzuwenden. Das wäre eine scharfe Kehrtwende in der amerikanischen Russlandpolitik.
Wofür spart der Kreml?
Kremlberater Juri Uschakow zufolge sei Moskau bereit, die Gespräche Mitte November wieder aufzunehmen. Im Raum steht außerdem ein Dreiertreffen von Trump, Putin und Xi Jinping beim Apec-Gipfel in China. Wolodymyr Selenskyj warnte, es wäre eine „Tragödie“, wenn Washington am Ende Putin stütze. Nach seiner Darstellung dränge der Kremlchef Trump dazu, die Militärhilfe für Kiew einzustellen.
Ausgeschöpft ist das Guthaben noch lange nicht. Bis zu zehn Amerikaner sollen weiterhin in russischer Haft sitzen, darunter Alexander Antonow, verurteilt zu sechs Jahren. Für Putin ist jeder von ihnen ein Chip auf dem Pokertisch. Und die Europäer schauen bei diesem Spiel vorerst nur zu.
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