
"O'piekst is": Jetzt kommt die Impfstation ins Bierzelt-GetĂĽmmel

München macht das größte Volksfest der Welt zur Impfstraße. Erstmals können sich Besucher, Schausteller und Bedienungen direkt auf der Theresienwiese gegen Grippe und Covid-19 impfen lassen – ohne Termin, mitten zwischen Maßkrug und Hendl. Das 191. Oktoberfest läuft noch bis zum 4. Oktober.
Spritze statt Schluck: Das Angebot in der Sanitätswache
Schauplatz ist die Wiesn-Sanitätswache. Wer will, bringt Impfpass und Krankenkassenkarte mit und bekommt den Piks montags bis freitags zwischen 10 und 14 Uhr, am Wochenende bereits ab 9 Uhr. Die ersten Impflinge sollen laut den Wiesn-Ärzten schon am Eröffnungstag erschienen sein.
Der vollständige Schutz baue sich nach Angaben der Verantwortlichen erst innerhalb von ein bis zwei Wochen auf – der Schluck Bier danach ist also kein Wundermittel, das Rendezvous mit dem Virus im Zelt aber möglicherweise schon passiert.
"Wir gehen dorthin, wo die Menschen sind"
Die Aktion gehört zur städtischen Initiative "München impft", getragen von der Stadt gemeinsam mit dem LMU Klinikum und dem TUM Klinikum. Gesundheitsreferentin Beatrix Zurek begründete den ungewöhnlichen Standort so:
"Wir gehen dorthin, wo die Menschen sind, und das ist jetzt eben die Wiesn."
Ziel sei es, schwere Verläufe zu verhindern und die Impfquoten entlang der Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) zu erhöhen. Christoph Spinner, Leiter der Infektiologie am TUM-Klinikum Rechts der Isar, verwies darauf, dass nicht einmal jeder Dritte aus den empfohlenen Gruppen gegen Influenza geimpft sei.
Wiesn-Grippe: Ein altbekanntes Münchner Phänomen
Dass in überfüllten Festzelten Erreger leichtes Spiel haben, ist keine neue Erkenntnis – die "Wiesn-Grippe" ist in München fast schon Folklore. Covid-19 sei, anders als die Influenza, nicht an die kalte Jahreszeit gebunden, sondern zirkuliere ganzjährig, so Spinner. Wo sehr viele Menschen auf engstem Raum zusammenkämen, steige das Infektionsrisiko.
Auch das RS-Virus bringen die Mediziner ins Spiel. Eine akute Welle sei zur Wiesn zwar nicht zu erwarten, die Impfquote bei den Empfohlenen jedoch niedrig. Die STIKO rät dazu bei Erwachsenen ab 75 Jahren sowie bei schwer Vorerkrankten ab 60.
Gesundheitspolitik im Bierzelt – Service oder Symbolpolitik?
Aus Sicht unserer Redaktion ist die Aktion ein zweischneidiges Schwert. Ein freiwilliges Zusatzangebot ist unproblematisch, solange es freiwillig bleibt – Eigenverantwortung heißt, dass jeder Bürger selbst entscheidet, was ihm gespritzt wird.
Kritiker dĂĽrften allerdings fragen, ob ausgerechnet ein Volksfest der geeignete Ort fĂĽr eine amtliche Impfkampagne ist, oder ob hier vor allem Bilder fĂĽr die Gesundheitspolitik produziert werden. Nach den Erfahrungen der Corona-Jahre ist das Misstrauen vieler Menschen gegenĂĽber staatlich orchestrierten Kampagnen jedenfalls messbar gewachsen.
Bemerkenswert bleibt die Prioritätensetzung: Während Kommunen für Impfstände auf der Wiesn Personal mobilisieren, klagen Hausärzte auf dem Land seit Jahren über Praxisschließungen und fehlenden Nachwuchs. Der Pieks zwischen Brezn und Blasmusik ersetzt keine funktionierende Versorgungsstruktur.
Hinweis: Dieser Beitrag gibt die Einschätzung unserer Redaktion auf Basis der uns vorliegenden Informationen wieder. Er ersetzt keine medizinische Beratung. Fragen zu Impfungen und individuellen Gesundheitsrisiken klären Sie bitte mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
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