
Ölpipeline durch die syrische Wüste: Wie Bagdad und Damaskus die Straße von Hormus umgehen wollen – und was das für Europa bedeutet

Es ist eine dieser Nachrichten, die in deutschen Redaktionsstuben kaum jemanden interessieren, weil sie sich nicht mit Regenbogenfahnen bebildern lässt. Und doch entscheidet sie über nichts Geringeres als die Frage, wie teuer der Sprit an der Tankstelle in Wanne-Eickel und wie stabil die Weltwirtschaft in den kommenden Jahren sein wird. Der Irak und Syrien wollen eine seit Jahrzehnten stillgelegte Ölleitung wiederbeleben – eine Röhre, die das Nadelöhr der Weltwirtschaft, die Straße von Hormus, elegant umgeht.
Drei Jahre bis zur Umgehung des Nadelöhrs
Der Chef der staatlichen syrischen Ölgesellschaft, Youssef Qablawi, erklärte gegenüber Journalisten, die Sanierung der Trasse von Haditha im Irak bis zum syrischen Mittelmeerhafen Baniyas werde maximal drei Jahre in Anspruch nehmen. Zwischen 30 Monaten und drei Jahren, so lautet die Kalkulation, nachdem technische Studien abgeschlossen und Materialien beschafft seien. Verhandlungen über den Vertrag laufen offenbar bereits, ebenso Gespräche mit Investoren.
Geplant sei ein Doppelstrang mit einer Kapazität von 1,5 bis 2 Millionen Barrel pro Tag. Wer nun glaubt, das seien abstrakte Zahlen für Fachleute, möge sich vor Augen halten: Das entspricht in etwa dem, was Deutschland und Frankreich zusammen täglich verbrauchen. Es geht hier nicht um ein Nebenprojekt, sondern um eine neue Ader im Blutkreislauf der globalen Energieversorgung.
Die Hormus-Krise als brutaler Weckruf
Der Anlass für diese plötzliche Eile ist bekannt. Die Blockade der Straße von Hormus hat dem Irak – nach Saudi-Arabien der zweitgrößte Produzent innerhalb der OPEC – die Exporte weitgehend abgeschnitten. Bagdad musste die Förderung herunterfahren, Milliarden an Einnahmen verdampften. Ein Staat, dessen Haushalt zu weit über 90 Prozent am Öltropf hängt, erlebt in einer solchen Lage nicht eine Konjunkturdelle, sondern eine existenzielle Krise.
Wer seine gesamte Exportwirtschaft durch eine einzige Meerenge schleusen muss, hat keine Handelsstrategie, sondern ein Hoffnungsprinzip.
Genau diese Lehre hätte man in Berlin schon vor Jahren ziehen können – etwa als man die deutsche Energieversorgung an eine einzige Röhre in der Ostsee kettete, gleichzeitig funktionsfähige Kernkraftwerke abschaltete und sich anschließend wunderte, warum die Industrie abwandert. Der Irak reagiert nun binnen Monaten mit einem Infrastrukturprojekt. Deutschland diskutiert seit Jahren über Wärmepumpen und Heizungsgesetze.
Washington greift nach der Röhre
Aufschlussreich ist, wer sich hier positioniert. Das US-Außenministerium ließ bereits verlauten, man unterstütze die Wiederherstellung der Kirkuk-Baniyas-Verbindung, um Teherans Fähigkeit zur Erpressung durch eine Blockade von Hormus dauerhaft zu schwächen. Und man erwarte, dass amerikanische Unternehmen beim Wiederaufbau eine Rolle spielten. Man darf das mit Wohlwollen betrachten: Wenigstens eine Regierung im Westen denkt in Kategorien geostrategischer Interessen und nicht in Kategorien moralischer Selbstbespiegelung.
Für das kriegszerstörte Syrien wäre die Leitung eine der wenigen realistischen Einnahmequellen im Aufbau seiner Nachkriegsökonomie. Transitgebühren, Hafenumschlag, Arbeitsplätze – all das, was ein Land tatsächlich stabilisiert. Ob dieses Kalkül in einer Region aufgeht, in der Verträge traditionell so lange halten wie das Machtgleichgewicht, das sie hervorgebracht hat, bleibe dahingestellt. Skepsis ist angebracht.
Was der Anleger daraus lernen sollte
Drei Jahre. So lange dauert es im besten Fall, bis diese Alternative steht. Drei Jahre, in denen die Weltwirtschaft weiterhin von einer schmalen Wasserstraße abhängt, die eine einzige politische Fehlentscheidung lahmlegen kann. Wer glaubt, dass Energiepreise, Inflation und Kaufkraft in dieser Zeit ruhig vor sich hin dümpeln, hat die vergangenen Jahre verschlafen.
Geopolitische Verwerfungen dieser Art sind seit Jahrtausenden die Stunde jener Vermögenswerte, die niemand abschalten, sanktionieren oder wegblockieren kann. Physisches Gold und Silber kennen keine Meerenge, keinen Transitstaat und keinen Bundeswirtschaftsminister, der auf die Idee kommt, sie stillzulegen. Sie liegen im Tresor – oder eben nicht. In einer Welt, in der Lieferketten zur Waffe geworden sind, gehört ein solider Edelmetallanteil zu jedem breit gestreuten Vermögen, das mehr sein will als eine Wette auf politische Vernunft.
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