
Minister ohne Amtseid: Steinmeier zeigt Merz die Grenzen des Grundgesetzes auf

Es gibt Momente, in denen die politische Choreographie Berlins mehr über den Zustand der Republik verrät als jede Regierungserklärung. Am Mittwochmittag war so ein Moment. Im Ersatz-Amtssitz des Bundespräsidenten am Berliner Spreebogen – Schloss Bellevue wird derzeit saniert – vollzog Frank-Walter Steinmeier die von Kanzler Friedrich Merz angeordnete Kabinettsumbildung. Ernennungen hier, Entlassungen dort. Und mitten hinein ein Satz, der wie ein feiner Riss durch das protokollarische Porzellan lief.
Der Eid, der auf September verschoben wurde
Denn die frisch ernannten Minister werden ihre Ämter zunächst ohne Amtseid ausüben. Wochenlang. Vereidigt werden sollen sie erst in der ersten Bundestagssitzung nach der Sommerpause, also irgendwann im September. Steinmeier ließ durchblicken, dass ihm dieses Vorgehen alles andere als behagt. Das Grundgesetz, so mahnte er, sehe bei der Amtsübernahme neuer Ministerinnen und Minister eine Eidesleistung vor dem Deutschen Bundestag vor – und diese habe Gewicht, weil sie der parlamentarischen Verantwortlichkeit der Regierung feierlichen Ausdruck verleihe.
Er habe die Verschiebung des Eides „zur Kenntnis genommen“, so das Staatsoberhaupt – kühler kann man im Berliner Politbetrieb kaum widersprechen.
Wer die Sprache des Protokolls kennt, weiß: Das war keine Fußnote. Das war eine Ohrfeige in Samthandschuhen. Der Bundespräsident, sonst nicht als schärfster Kritiker der Regierenden bekannt, erinnert den Kanzler daran, dass Verfassungsrituale keine terminlichen Lästigkeiten sind, die man zwischen Sommerurlaub und Haushaltsdebatte einschiebt, wenn es gerade passt.
Wer wechselt, wer geht, wer kommt
Steinmeier dankte dem geschassten Minister Patrick Schnieder, Kanzleramtsminister Thorsten Frei sowie Nina Warken, die das Ressort wechselt, für ihre Arbeit. Den neuen Kabinettsmitgliedern Carsten Linnemann und Steffen Bilger wünschte er Glück. Höflichkeit, Routine, Händedruck. Doch die eigentliche Nachricht des Tages war nicht das Personalkarussell, sondern die Nonchalance, mit der ein Verfassungsakt auf die lange Bank geschoben wird.
Symbolik ist kein Beiwerk – sie ist das Fundament
Man mag einwenden: Ein Eid ist nur ein Satz, gesprochen in ein Mikrofon, gefolgt von Applaus. Wer daran glaubt, hat nicht verstanden, warum die Väter und Mütter des Grundgesetzes diesen Akt vor dem Parlament verankert haben. Es geht um Rechenschaft. Es geht um die Botschaft, dass Minister nicht dem Kanzler dienen, sondern dem deutschen Volk und der Verfassung. Wer diesen Akt als Terminfrage behandelt, sendet ein Signal – und zwar ein verheerendes.
Und ausgerechnet Friedrich Merz, der Kanzler, der sich stets als Anwalt von Ordnung, Recht und Verlässlichkeit präsentiert hat, liefert hier eine Vorstellung, die Erinnerungen an andere gebrochene Versprechen weckt. Man denke an die Zusage, keine neuen Schulden aufzunehmen – und an das 500-Milliarden-Sondervermögen, das die Enkelgeneration abzahlen darf. Formtreue nach außen, Flexibilität nach innen: Es ist ein Muster.
Die große Krisenrede – und das kleine Versäumnis
Steinmeier selbst zeichnete in seiner Ansprache ein düsteres Bild der Lage: epochale Umbrüche, Kriege, geopolitische Konflikte, neue Lasten in EU und NATO, eine wirtschaftliche Stagnation, die längst kein Konjunkturtal mehr ist, sondern ein Dauerzustand. Deutschland müsse sich behaupten, mit weitreichenden inneren Reformen und außenpolitischer Bündnisleistung.
Nur: Wer glaubt ernsthaft, dass ein Kabinett, das nicht einmal die Zeit findet, den vom Grundgesetz vorgesehenen Eid zu leisten, jene Reformen anpackt, die dieses Land seit Jahren vergeblich erwartet? Die Industrie wandert ab, die Energiepreise ersticken den Mittelstand, die innere Sicherheit erodiert. Und in Berlin diskutiert man über Vereidigungstermine nach der Sommerpause.
Was bleibt dem Bürger?
Vertrauen in Institutionen ist ein Kapital, das sich nicht per Beschluss vermehren lässt – wohl aber vernichten. Wer sich fragt, warum immer mehr Deutsche ihr Erspartes in physische Werte umschichten, in Gold und Silber, in Substanz statt Versprechen, findet in solchen Szenen einen Teil der Antwort. Papier ist geduldig. Eide offenbar auch. Edelmetalle hingegen brauchen keinen Amtseid, um ihren Wert zu halten – sie sind, was sie sind, unabhängig davon, wer in Berlin gerade welchen Termin verschiebt.
Am Ende bleibt ein bitterer Nachgeschmack: Ein Bundespräsident, der mahnen muss, weil ein Kanzler die Verfassungsform als Optional betrachtet. Und ein Volk, das zusehen darf, wie in der politischen Klasse die Selbstverständlichkeiten schrumpfen. Es sind nicht die großen Skandale, an denen Vertrauen zerbricht. Es sind die kleinen Nachlässigkeiten, die zeigen, wie ernst man den eigenen Auftrag nimmt.
Hinweis: Dieser Beitrag stellt keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung dar. Er spiegelt die Einschätzung unserer Redaktion auf Basis der uns vorliegenden Informationen wider. Jeder Leser ist für seine Entscheidungen selbst verantwortlich und sollte eigenständig recherchieren beziehungsweise fachkundigen Rat einholen. Eine Haftung für Vermögensschäden oder sonstige Nachteile wird ausdrücklich ausgeschlossen.
- Themen:
- #CDU-CSU

Deutschland Deutschland Das große Live-Webinar am 29. Juli – wie Sie Ihr Vermögen schützen, ohne auszuwandern
Live mit Marc Friedrich, Peter Hahne, Philip Hopf, Gerald Grosz, Kay Gottschalk & Tim Kellner – moderiert von Dominik Kettner. 100 % kostenlos.





Die Stimmen des Abends

MarcFriedrich

PeterHahne

PhilipHopf

GeraldGrosz

KayGottschalk

TimKellner
- Kettner Edelmetalle News
- Finanzen
- Wirtschaft
- Politik


















