
Milliardenwette an der Saar: Bricht der Traum vom grĂĽnen Stahl zusammen?

Eine Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) stellt das Prestigeprojekt Power4Steel der Stahl-Holding Saar (SHS) infrage. Für energieintensive Primärstahlproduktion in Mitteleuropa sehen die Prüfer laut Medienberichten keinen wettbewerbsfähigen Weg mehr. Und das ausgerechnet, während Milliarden an Steuergeld bereits fließen.
Aus 3,5 werden 4,6 Milliarden — und der Staat zahlt kräftig mit
Als die SHS 2022 den Umbau beschloss, war von 3,5 Milliarden Euro die Rede. Inzwischen stehen 4,6 Milliarden Euro im Raum. 2,6 Milliarden Euro davon kommen als Förderung von Bund und Saarland — bei einem Landeshaushalt von 6,6 Milliarden Euro.
Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums trägt der Bund 70 Prozent dieser Förderung, das Saarland 30 Prozent. Direktreduktionsanlagen (DRI) und Elektrolichtbogenöfen (EAF) sollen die klassische Hochofenroute ersetzen.
Das unbequeme Urteil der PrĂĽfer
Pikant: Die Untersuchung entstand laut Saarbrücker Zeitung auf eigene Initiative von PwC, ein externer Auftraggeber wird nicht genannt. Politische Gegnerschaft lässt sich hier also schwer unterstellen.
Die Kernaussage: Auch mit Wasserstoff statt Kohle hergestellter Primärstahl sei in Mitteleuropa strukturell im Nachteil — wegen höherer Energie-, Wasserstoff- und Rohstoffkosten gegenüber Regionen wie Indien, das mit 164,9 Millionen Tonnen der zweitgrößte Stahlproduzent der Welt ist.
„Die Stahlwelt von 2040 wird eine grundlegend andere sein als die heutige“, warnt PwC-Partner Andree Simon Gerken. „Die Hochofenroute wird unwirtschaftlich, die Geographie der Primärproduktion verschiebt sich.“
Die Frage, die niemand beantwortet
PwC empfiehlt, energieintensive Stufen dorthin zu verlagern, wo dauerhafte Kostenvorteile bestehen. Ausgerechnet die DRI-Stufe also, auf die Power4Steel setzt. Die SHS widerspricht: Es zählten auch Weltmarktpreise, Transport und Logistik; zudem seien Annahmen der Analyse nicht ausreichend offengelegt.
Doch eine Zahl fehlt bis heute. Was kostet künftig eine Tonne Saar-Stahl aus der DRI-EAF-Route? Weder die SHS noch die SPD-geführte Landesregierung legen eine Rechnung vor. Auch die IG Metall nennt kein Datum, ab wann grüner Stahl ohne politische Flankierung kostendeckend verkäuflich wäre.
Zwei Mannheimer Ökonomen halten dagegen: Konkurrenzfähig sei die Produktion — bei Industriestrom zu 60 Euro je Megawattstunde, Wasserstoff zu 140 Euro, hoher Investitionsförderung und Schutz vor Billigimporten. Übersetzt heißt das: Subventionen plus Abnahmezwang. Der Kieler Ökonom Finn Ole Semrau formulierte es nüchterner: Der Staat könne den Technologiesprung ermöglichen, aber kein tragfähiges Geschäftsmodell ersetzen.
Wer zahlt am Ende die Zeche?
Stahl ist kein Konsumgut wie jedes andere. Autoindustrie, Maschinenbau, Bau und Verteidigung hängen an verlässlicher Versorgung. China produziert bereits 28-mal, Indien fünfmal so viel Stahl wie Deutschland — nach den Erfahrungen mit russischem Gas und chinesischen Rohstoffen sollte das nachdenklich machen.
Aus Sicht unserer Redaktion offenbart der Fall ein Muster: Politisch gesetzte Ziele, deren betriebswirtschaftliche Grundlage erst später geprüft wird. Wird Stahl dauerhaft teurer produziert als bei der Konkurrenz, wandert der Nachteil durch die gesamte Wertschöpfungskette — und alle Stahlkunden zahlen mit.
Für private Vermögen bedeutet ein industrieller Strukturbruch dieser Größenordnung vor allem eines: Streuung zählt. Physische Edelmetalle wie Gold und Silber gelten vielen Anlegern seit Generationen als stabilisierende Beimischung, wenn Standortfragen und Energiepreise die Industrie unter Druck setzen.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und stellt keine Anlageberatung dar. Wir geben keine Kauf- oder Verkaufsempfehlungen. Jeder Leser trifft seine Anlageentscheidungen eigenverantwortlich und sollte sich vorab selbst umfassend informieren.
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