
Manöver an Ukraines Grenze: Europas „Willige“ proben den Ernstfall

Rund 2.800 Soldaten aus etwa zehn Ländern rücken ab dem 9. November ins südostpolnische Nowa Dęba ein. Bis zum 22. November übt die sogenannte „Koalition der Willigen“ dort zum ersten Mal in großem Umfang, wie eine Truppe nach einem Waffenstillstand in die Ukraine verlegt werden könnte. Noch bevor die Übung beginnt, gibt es scharfe Kritik, vor allem aus Frankreich.
Paris schickt die meisten Soldaten
Das Manöver heißt „Koalicja“, polnisch für „Koalition“. Frankreich stellt Berichten zufolge mit rund 1.100 Soldaten das größte Kontingent. Großbritannien folgt mit etwa 300. Dazu kommen Truppen aus Deutschland, Estland, Litauen, den Niederlanden, Spanien, Schweden und Belgien. Auch die Ukraine ist vertreten, laut Medienberichten zunächst mit Beobachtern.
Der Übungsplatz liegt nur rund 100 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Die NATO wurde informiert, macht aber nicht direkt mit. Die USA gehören der Initiative nicht an. Europa übt hier also ohne den Partner, der die Sicherheit des Kontinents jahrzehntelang garantiert hat.
Keine Panzerparade, sondern ein Logistik-Test
Offiziell soll geprüft werden, ob die Multinationale Force Ukraine (MNF-U) einsatzbereit ist. Sie ist der militärische Arm der Koalition. Geübt werden Logistik, Kommandostrukturen und Truppenverlegungen. Dazu kommen die Drohnenabwehr und das Zusammenspiel der Funk- und Kommunikationssysteme. Eine Machtdemonstration mit Panzern und Raketen solle man nicht erwarten, schreibt die französische Zeitung Le Monde.
Die Truppe soll nicht in laufende Kämpfe eingreifen. Sie soll nach einem Kriegsende stabilisieren und abschrecken. Paris und London betonen, sie stehe bereit, sobald die Waffen schweigen. Medienberichten zufolge dürfte sie im Ernstfall aber offenbar auch auf russische Kräfte schießen. Spätestens hier hört der Begriff „Übung“ auf, harmlos zu klingen.
Gegründet wurde die Koalition 2025. Laut Berichten gehören ihr inzwischen 36 Staaten an. Bisher fiel sie vor allem durch Gipfeltreffen und Fototermine auf. Polen wurde als Gastgeber gewählt, weil ein großer Teil der Hilfe für die Ukraine über sein Gebiet läuft. Regierungschef Donald Tusk hatte die Übung schon am 14. Juli in Paris angekündigt.
„Frankreich hat dort nichts verloren“
Am lautesten protestiert Florian Philippot, Chef der französischen Partei Les Patriotes. Auf X bezeichnete er den Einsatz am 3. November als „Operation der euro-atlantischen Ordnungsaufrechterhaltung“. Sie finde mitten in einem „europäischen Putsch“ statt. So nennt er das Vorgehen der Regierung Tusk und der EU gegen Kräfte in Polen, die auf nationale Souveränität und Frieden setzen.
„Frankreich hat dort nichts verloren.“
Philippot sieht in dem Manöver eine Machtdemonstration. Sie solle Tusk absichern, den er spöttisch „Prokonsul“ nennt, und die Eskalation weiter vorantreiben. Er fordert, dass Frankreich EU und NATO sofort verlässt. Diese Deutung ist drastisch, und man muss sie nicht teilen. Die Frage nach dem Zeitpunkt ist trotzdem berechtigt: Ausländische Truppen üben in einem Land, in dem Regierung und Opposition gerade erbittert streiten. Das wirkt zumindest unglücklich.
Und Deutschland? Wieder mittendrin
Auch die Bundeswehr ist dabei. Eine breite öffentliche Debatte darüber gibt es hierzulande kaum. Gleichzeitig hat Bundeskanzler Friedrich Merz die Koalition für Mitte November zu einem Treffen nach Berlin eingeladen. Dort soll die internationale Hilfe für die Ukraine abgestimmt werden.
Wichtige Fragen sind dabei noch offen:
- Welches Mandat hätte ein späterer Einsatz?
- Wie stark würde der Bundestag eingebunden?
- Wer zahlt eine dauerhafte Präsenz, wenn die USA nicht mitmachen?
Die Bürger zahlen die Rechnung für Rüstung, Sondervermögen und Ukraine-Hilfen. Aus Sicht unserer Redaktion haben sie ein Recht auf klare Antworten, bevor aus einer Übung in Nowa Dęba ein echter Einsatz wird.
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