
Lesch gegen die Atom-Renaissance: Ist die halbe Welt nicht bei Verstand?

In einem Interview mit der „Welt“ hat ZDF-Wissenschaftsmoderator Harald Lesch („Terra X“) die Kernkraft als „völlig veraltete Technologie“ bezeichnet. Wer heute noch Reaktoren baue, sei nach seiner Darstellung nicht bei Verstand, es sei denn, er wolle Plutonium für Atombomben. Ein Blick auf die weltweiten Zahlen ergibt allerdings ein völlig anderes Bild.
„Machen im Grunde nur Wasser heiß“
Der Astrophysiker begründet seine Ablehnung mit dem Klimawandel. Er sagte wörtlich:
„Kernkraftwerke aber sind eine völlig veraltete Technologie, die machen im Grunde nur Wasser heiß. Leider sagen uns die Klimaprojektionen, dass wir in Zukunft mit Wasser viel sorgfältiger umgehen müssen. Es wird auch in Europa knapp.“
Bei diesem Argument wird man stutzig. Fast jedes thermische Kraftwerk funktioniert genau so: Kohle, Gas, Biomasse, Geothermie und auch die konzentrierte Solarthermie erhitzen Wasser zu Dampf, der dann eine Turbine antreibt. Dabei muss immer Wärme abgeführt werden. Lesch fordert laut dem Bericht, Energievorschläge dürften „niemals auf Technologien basieren, die Wasser erhitzen oder Kühlverfahren benötigen“. Damit wäre so gut wie jedes zuverlässige, steuerbare Kraftwerk aus dem Rennen.
Auch die Warnung vor einem Wassermangel in ganz Europa sehen Kritiker als starke Vereinfachung. Der Kontinent verfügt weiterhin über reichlich erneuerbare Wasserressourcen. Engpässe gibt es nur in bestimmten Regionen und zu bestimmten Jahreszeiten. Darauf antwortet man mit klugen Standorten und moderner Kühltechnik, nicht mit Verboten.
Frankreich: Der Fluss wird geschützt, nicht der Reaktor
Als Beleg führt Lesch das Nachbarland an: Die Franzosen hätten in diesem Sommer mehrere ihrer 57 Reaktoren „wegen Wassermangels“ abschalten müssen und würden „umdenken müssen“. Richtig ist, dass mehrere Anlagen an Flüssen und Flussmündungen zwischen Juni und August gedrosselt oder vom Netz genommen wurden. Die Folgen waren teils bis in den Oktober zu spüren.
Der Grund war jedoch ein anderer. Die französischen Behörden legen für jeden Standort Höchsttemperaturen für das Flusswasser fest, um Fische und Pflanzen zu schützen. Ist das Wasser ohnehin schon warm, müssen die Betreiber die Leistung senken. Für das Kraftwerk Chooz an der Maas gilt außerdem ein Abkommen mit Belgien, das die Wasserentnahme bei niedrigem Pegel begrenzt. Die Kühlung der Reaktoren war laut dem Bericht jederzeit gesichert. Trotzdem stammten 2025 nach Angaben der World Nuclear Association rund 68 Prozent des französischen Stroms aus Kernkraft. Auch Deutschland greift an dunklen, windstillen Wintertagen gern auf diesen Strom zurück.
Weltweiter Bau-Boom statt Abgesang
Am stärksten widersprechen die Fakten Leschs These, niemand mit klarem Verstand baue noch Kernkraftwerke. Laut World Nuclear Association sind derzeit 443 Reaktoren betriebsbereit und 79 im Bau, verteilt auf rund 15 Länder. Gut die Hälfte davon steht in China. 2025 erzeugte die Kernkraft mit 2.702 Terawattstunden so viel Strom wie nie zuvor.
- Allein 2026 gingen sechs neue Reaktoren ans Netz, fünf davon in China und einer im slowakischen Mochovce.
- Polen, Rumänien, Tschechien, Schweden und Großbritannien planen neue Reaktoren, Ungarn baut bereits.
- Mehr als 30 Staaten wollen die weltweite Kernkraft-Kapazität bis 2050 verdreifachen.
Italien zeigt, dass eine Umkehr möglich ist
Italien hatte nach Tschernobyl 1987 per Volksentscheid aus der Atomkraft ausgestiegen. Nach Fukushima 2011 stimmten die Bürger erneut gegen neue Meiler. Die Regierung von Giorgia Meloni will die Kernkraft nun trotzdem zurückholen und setzt dabei auf kleine modulare Reaktoren (SMR).
In Berlin dagegen hat man sich mit dem Ausstieg abgefunden. Kanzler Friedrich Merz nannte die Abschaltung der letzten deutschen Meiler einen „schwarzen Tag“ und den Atomausstieg einen „schweren strategischen Fehler“. Zugleich räumte er ein: „Da ist wahrscheinlich nichts mehr zu machen.“ Für ein Industrieland mit einigen der höchsten Strompreise Europas ist das ein bemerkenswert schnelles Aufgeben.
Gebührenfinanzierte Gewissheiten
Lesch tritt seit Jahren auch auf Kundgebungen für erneuerbare Energien auf. Kritiker werfen ihm deshalb vor, die Grenze zwischen Wissenschaft und Aktivismus zu verwischen. Das ist pikant, weil er mit dem ZDF-Logo im Rücken für viele Zuschauer als neutrale Instanz der Wissenschaft gilt, bezahlt aus den Rundfunkbeiträgen aller Bürger.
Die übrige Welt richtet ihre Energiepolitik ohnehin nicht nach deutschen Fernsehprofessoren. Sie braucht verlässlichen, CO2-armen Strom rund um die Uhr. Sollten Peking, Warschau und Rom recht behalten, würde Deutschland wohl die Rechnung für seinen Sonderweg zahlen.
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