
Krypto statt Banken? Netanjahus Sanktions-Notplan sorgt für Entsetzen

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat kurz vor der Knesset-Wahl am Dienstag Kryptowährungen als möglichen Ausweg aus drohenden Bankensanktionen ins Spiel gebracht. Die Bank of Israel widersprach öffentlich, und das ist für eine Notenbank höchst ungewöhnlich. Die Opposition spricht von einer Strategie, die zu Iran, Russland und Venezuela passe.
Ein Interview mit Sprengkraft
Im Gespräch mit dem Wirtschaftssender Kanal 10 sagte Netanjahu am Freitag, Israel müsse sich auf Sanktionen gegen seine Banken einstellen. Die Wirtschaft müsse so aufgestellt werden, dass sie solche Maßnahmen umgehen könne. Auf die Frage, ob die Blockchain eine Alternative sei, antwortete er, das sei sicher eine davon. Einen Plan habe er bereits in Auftrag gegeben.
Auslöser war eine Ankündigung Großbritanniens und elf weiterer westlicher Staaten: Sie wollen Waren aus israelischen Siedlungen im Westjordanland sanktionieren. Als Gründe nennen sie Angriffe von Siedlern auf Palästinenser und den von der Regierung genehmigten Siedlungsausbau. Bankensanktionen gibt es bislang nicht. Netanjahu ging trotzdem weiter. Die amerikanische Militärhilfe werde enden, das sei nur eine Frage der Zeit. Das laufende Abkommen sieht 3,8 Milliarden Dollar pro Jahr vor und läuft 2028 aus.
Die Notenbank zieht die Notbremse
Die Bank of Israel unter Gouverneur Amir Yaron reagierte schon am Samstag. Kryptowährungen könnten kein Instrument sein, um Sanktionen zu umgehen. Richtig sei es, die Beziehungen zu den wichtigsten Handelspartnern zu pflegen und Sanktionen zu verhindern.
Ob der Plan überhaupt existiert? Das ist offen. Laut dem Portal Ynet wussten weder Wirtschaftsbeamte noch Mitarbeiter im Büro des Premiers von einem zuständigen Team. Netanjahu blieb trotzdem bei seiner Linie. Er danke der Zentralbank für ihre Ratschläge, tue aber, was er für richtig halte. Krypto sei eines von mehreren Mitteln, und ob man es einsetze, sei nicht sicher.
Der Haken sitzt in Washington
Fachleute halten die Idee vor allem für technisch naiv. Wer Krypto in Dollar, Euro oder Waren tauschen will, braucht Börsen und Zahlungsdienstleister, und die unterliegen dem Sanktionsrecht. Der frühere Bankenaufseher Yair Avidan sagte Ynet sinngemäß, eine Transaktion auf die Blockchain zu verlegen, ändere nichts an den Pflichten der Beteiligten.
Dazu kommen die Stablecoins, die an den Dollar gekoppelt sind. Marktführer Tether kann Wallets sperren. Laut dem Fachportal Decrypt fror das Unternehmen im Juli 131 Millionen Dollar ein, die der iranischen Zentralbank und den Streitkräften zugeordnet werden. Die angebliche Freiheit der Blockchain endet also genau dort, wo amerikanisches Recht beginnt.
Widerspruch selbst aus der Krypto-Szene
Avishai Ovadia von der Investmentfirma Collider nannte die Beratung des Premiers laut dem Sender i24 falsch und irreführend. Blockchain-Transaktionen seien öffentlich nachvollziehbar. Der Ökonom Eran Yashiv warnte, schon die Äußerungen könnten die Märkte verunsichern und so die Sanktionen verschärfen, die Netanjahu umgehen wolle. Der Verband Israeli High-Tech Headquarters sieht in einer abgeschotteten Krypto-Wirtschaft sogar den Weg zur Zerstörung des Hightech-Sektors.
Wahlkampf im Schatten der Umfragen
Auf der Wettplattform Polymarket lag Herausforderer Gadi Eisenkot am Sonntagmorgen bei 52 Prozent, Netanjahu nur bei 28 Prozent. Eisenkot warf dem Premier laut Ynet vor, in eine Welt der Wahnvorstellungen abgedriftet zu sein. Wie solle Google ein israelisches Unternehmen kaufen, wenn dafür der internationale Bankverkehr umgangen werden müsse? Oppositionsführer Yair Lapid und Ex-Premier Naftali Bennett reagierten ähnlich scharf.
Die eigentliche Lehre reicht weit über Israel hinaus. Russland hat nach 2014 seine Goldreserven massiv aufgestockt, aus gutem Grund: Ein Goldbarren im eigenen Tresor lässt sich nicht per Knopfdruck aus Washington einfrieren. Ein Token schon. Dass die Zentralbanken der Welt seit Jahren in Rekordmengen Gold kaufen, ist kein Zufall. Für Sparer heißt das: Physische Edelmetalle können als Beimischung in einem breit gestreuten Vermögen eine Stabilität bieten, die digitale Versprechen nicht garantieren.
Hinweis: Dieser Beitrag stellt keine Anlageberatung dar. Jeder Leser sollte selbst recherchieren und ist für seine Anlageentscheidungen allein verantwortlich.
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