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„Folterkammer“ bei Kiew: Was an der Horror-Story wirklich dran ist

„Folterkammer“ bei Kiew: Was an der Horror-Story wirklich dran ist
Symbolbild: KI-generiert

Ein angeblich gefolterter 14-Jähriger, mehr als 40 festgehaltene Männer, eine „Folterkammer Selenskyjs“: Seit Montag verbreiten sich schwere Vorwürfe gegen die ukrainische Nationalgarde rasend schnell im Netz. Es geht um ein Gebäude in Petropawliwska Borschtschahiwka am Rand von Kiew. Inzwischen zeigt sich, dass zentrale Teile der Geschichte nicht stimmen. Erledigt sind die Fragen damit aber nicht.

Der Junge kletterte selbst über die Mauer

Das Bild, das am stärksten wirkte, hält einer Prüfung am wenigsten stand. Das ukrainische Rechercheportal Slidstvo.Info berichtete in der Nacht zum Dienstag, der Jugendliche sei offenbar erst während der Krawalle auf das Grundstück gekommen. Auch der Sender Suspilne zeigte Aufnahmen, auf denen der Junge über eine Mauer auf das Gelände klettert.

Danach wurde er, in eine Decke gehüllt, aus dem Gebäude geführt. Genau diese Bilder gingen anschließend als angeblicher Beweis für Misshandlungen um die Welt. Präsidialamtschef Kyrylo Budanow sprach später selbst mit dem Teenager. Der habe ihm gesagt, er sei mit Freunden gekommen. Budanow rief daraufhin die Schwester des Jungen an, die ihn abholen sollte.

17 Soldaten statt 40 Geiseln

Nach Angaben der Nationalgarde dient das Gebäude als Übergangsquartier der Militäreinheit 3121, die zum 1. Korps „Asow“ gehört. Untergebracht seien dort reguläre Soldaten gewesen und Männer, die ihre Einheit unerlaubt verlassen hatten und zurückgebracht worden waren. Wie viele es genau waren, ist offen. Der Kommandeur der Nationalgarde nannte zunächst 18, Budanow 14 und Innenminister Iwan Wyhiwskyj am Dienstagnachmittag 17 Personen. Für die Zahl von über 40 Geiseln gibt es keinen Beleg.

Trotzdem ist nicht alles vom Tisch. Laut dem Asow-Korps hatten vier Soldaten Verletzungen und kamen zur Untersuchung ins Krankenhaus. Woher die Verletzungen stammen, ist ungeklärt. Die Nationalgarde bestreitet jede Misshandlung.

Angehörige erheben dagegen schwere Vorwürfe. Eine Frau sagte gegenüber Suspilne, ihr Mann werde seit 37 Tagen in dem Gebäude festgehalten. Für einen Besuch und eine medizinische Versorgung seien 100.000 Hrywnja verlangt worden. Belege dafür legte die Familie dem Sender zufolge nicht vor. Einige Angehörige durften das Gebäude später betreten und fanden nach eigener Aussage keine Hinweise auf Folter. Die Besichtigung fand allerdings unter Aufsicht der Behörden statt. Selbst Budanow nannte sie eine oberflächliche Kontrolle.

Die falsche Ärztin mit dem Krankenwagen

Die ukrainische Polizei sieht eine Schlüsselrolle bei der 49-jährigen Valentyna Moloda. Sie soll in Arztkleidung mit einem Krankenwagen vor dem Gebäude aufgetaucht sein und behauptet haben, drinnen würden Verletzte festgehalten. Dabei habe sie sich als Inhaberin der Privatklinik „Med-Prestige“ ausgegeben. Laut Slidstvo.Info hat diese Klinik ihren Betrieb aber schon 2023 eingestellt. Der eigentliche Eigentümer gab an, den Krankenwagen 2024 verkauft zu haben.

Am Dienstag bestätigte der Geheimdienst SBU die Festnahme der Frau und ihres Fahrers. Budanow zufolge sollen die beiden das Gebäude mindestens drei Tage vorher ausgespäht haben. Auf ihrem Handy seien Kontakte zu Telegram-Kanälen gefunden worden, die die Vorwürfe verbreiteten. Die Ermittlungen laufen, es gilt die Unschuldsvermutung.

Weidels Forderung an die Bundesregierung

Die Geschichte schaffte es auch nach Berlin. AfD-Chefin Alice Weidel teilte auf X einen Beitrag des norwegischen Politikwissenschaftlers Glenn Diesen. Darin war von der „Folterkammer Selenskyjs“, mehr als 40 festgehaltenen Männern und einem 14-jährigen Opfer die Rede. Weidel schrieb dazu, sie erwarte, dass die Bundesregierung das beim Besuch Selenskyjs in Berlin am selben Tag anspreche. Dass eine Spitzenpolitikerin so etwas ungeprüft weiterverbreitet, wirft kein gutes Licht auf den Umgang mit Informationen aus einem Kriegsgebiet.

Die eigentliche Frage lautet aber: Was passiert in einem Land, das sich auch mit deutschem Steuergeld verteidigt, mit Soldaten, die sich dem Dienst entziehen? Selbst Budanow sagte Medienberichten zufolge, der Vorfall zeige über alle Provokationen hinaus tiefere gesellschaftliche Spannungen und ungelöste Probleme.

Ermittlungen in beide Richtungen

Der SBU hat drei Strafverfahren eröffnet, unter anderem wegen Behinderung der Streitkräfte und gewaltsamer Unruhen. Das Staatliche Ermittlungsbüro prüft, ob militärische Befugnisse überschritten wurden. Dabei geht es vor allem um die Unterbringung der Soldaten und den Vorwurf, es sei Zwang angewendet worden. Auch die Ombudsstelle des Militärs will den Fall untersuchen.

Ob dabei echte Aufklärung herauskommt, wird sich zeigen. Für Berlin bleibt der Fall eine Mahnung in zwei Richtungen: Gegen Falschmeldungen hilft nur Sorgfalt. Und wer Milliarden zahlt, darf Transparenz verlangen.

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