
Europas Energiepolitik: Vom Regen in die Traufe – und niemand merkt es

Man könnte meinen, Europa hätte aus den schmerzhaften Erfahrungen der vergangenen Jahre gelernt. Die Abhängigkeit von russischem Gas, die sich nach dem Beginn des Ukraine-Krieges als geopolitische Achillesferse entpuppte, sollte der große Weckruf gewesen sein. Doch was geschieht stattdessen? Der Kontinent tauscht eine Abhängigkeit gegen die nächste – und feiert sich dabei auch noch als souverän. Ein Treppenwitz der Energiepolitik.
Russisches Gas ist noch lange nicht Geschichte
Trotz aller Sanktionen, trotz markiger Reden und trotz des offiziellen EU-Beschlusses, bis 2027 vollständig aus russischem Gas auszusteigen, fließt der Rohstoff aus Moskau weiterhin nach Europa. Rund acht Prozent der Pipeline-Gasimporte und etwa 13 Prozent der Flüssigerdgas-Einfuhren stammen nach wie vor aus Russland – das belegen aktuelle Auswertungen des European LNG Tracker. Weniger als vor dem Krieg, gewiss. Aber eben nicht null. Die viel beschworene Zeitenwende in der Energiepolitik erweist sich einmal mehr als das, was sie in Wahrheit ist: ein halbherziges Manöver.
Doch das eigentlich Beunruhigende liegt nicht in dem, was noch aus Russland kommt, sondern in dem, was es ersetzt. Denn während Brüssel und Berlin sich auf die Schulter klopfen, hat sich klammheimlich eine neue, kaum weniger problematische Abhängigkeit aufgebaut – diesmal von den Vereinigten Staaten.
96 Prozent aus Amerika: Deutschlands neue Energiekette
Die Zahlen sind erschütternd in ihrer Eindeutigkeit. Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums stammten im vergangenen Jahr sage und schreibe 96 Prozent der deutschen LNG-Importe aus den USA. Auf europäischer Ebene machen amerikanische Lieferungen inzwischen fast 40 Prozent aller Gasimporte aus; beim Flüssigerdgas liegt ihr Anteil sogar bei rund 60 Prozent. Studien renommierter Institute wie dem Berliner Ecologic Institute und dem niederländischen Clingendael-Institut warnen eindringlich: Bis 2030 könnte die EU bis zu 80 Prozent ihres LNG aus den Vereinigten Staaten beziehen.
Wer nun glaubt, die USA seien unter allen Umständen ein verlässlicherer Partner als Russland, der möge sich die aktuelle politische Lage in Washington vor Augen führen. Unter der Präsidentschaft Donald Trumps, der mit seinen massiven Zollerhöhungen – 20 Prozent auf EU-Importe – bereits demonstriert hat, dass transatlantische Freundschaft für ihn ein Verhandlungsinstrument und kein Wert an sich ist, gleicht diese Abhängigkeit einem energiepolitischen Russisch Roulette. Was geschieht, wenn Trump die Gaslieferungen als Druckmittel einsetzt? Was, wenn ein Handelskonflikt eskaliert? Die Frage ist nicht ob, sondern wann Europa diese Verwundbarkeit zu spüren bekommt.
Der Mittlere Korridor: Hoffnungsschimmer oder Fata Morgana?
Vor diesem Hintergrund richtet sich der Blick zunehmend nach Südosten. Der sogenannte Mittlere Korridor – eine Energie- und Transitachse über Zentralasien, den Südkaukasus und die Türkei – entwickelt sich zur potenziellen Alternative. Anfang 2026 wurde diese Option erstmals greifbar: Über die Transadriatische Pipeline (TAP) fließt seither Erdgas aus Aserbaidschan direkt nach Deutschland und Österreich, basierend auf einem langfristigen Vertrag zwischen dem staatlichen Energiekonzern Socar und dem deutschen Unternehmen Sefe.
Die Mengen mögen begrenzt sein. Ihre geopolitische Bedeutung ist es nicht. Dieses Gas erreicht Europa über eine Route, die Russland vollständig umgeht – ein nicht zu unterschätzender strategischer Vorteil. Aserbaidschan lieferte bereits 2025 rund 12,8 Milliarden Kubikmeter Gas nach Europa, und mit der Erweiterung der TAP-Kapazität werden inzwischen 16 europäische Staaten erreicht.
Kasachstan als geopolitischer Schlüsselstaat
Das eigentliche energiepolitische Schwergewicht des Mittleren Korridors liegt jedoch in Kasachstan. Als größter Ölproduzent Zentralasiens gewinnt das Land für Europas Versorgungssicherheit rasant an Bedeutung. Die kasachischen Ölexporte nach Deutschland stiegen 2025 um beeindruckende 44 Prozent auf mehr als 2,1 Millionen Tonnen; für 2026 sind Liefermengen von bis zu 2,5 Millionen Tonnen vorgesehen. Darüber hinaus verfügt Kasachstan über strategisch wichtige Rohstoffe wie Lithium, Chrom, Kupfer und Seltene Erden – Ressourcen, bei denen Europa bislang in gefährlicher Abhängigkeit von China steht.
Der erste EU-Zentralasien-Gipfel im April 2025 in Samarkand war denn auch mehr als diplomatische Folklore. Beide Seiten vereinbarten, ihre Beziehungen zu einer strategischen Partnerschaft auszubauen. Flankiert wird dies durch die Global-Gateway-Initiative der EU, mit der rund zwölf Milliarden Euro in Zentralasien mobilisiert werden sollen. Ob diese Summe angesichts der gewaltigen Infrastrukturherausforderungen ausreicht, darf bezweifelt werden.
Was Berlin und Brüssel jetzt tun müssten – und wahrscheinlich nicht tun werden
Die Handlungsempfehlungen liegen auf dem Tisch, klar und unmissverständlich. Die Energieinfrastruktur entlang des Mittleren Korridors muss robuster werden. Zusätzliche Kompressor-, Speicher- und Einspeisekapazitäten rund um das Kaspische Meer, gehärtete Stromnetze, Notstrom- und Black-Start-Fähigkeiten sowie Batteriespeicher an neuralgischen Punkten wären notwendig. Langfristige, bankfähige Lieferverträge für Gas, Strom und perspektivisch auch Wasserstoff müssten geschlossen werden. Der Schutz kritischer Infrastruktur vor Sabotage und Cyberangriffen erforderte gemeinsame Risikoanalysen und Frühwarnsysteme.
Doch wer die deutsche Politik der vergangenen Jahre beobachtet hat, weiß: Zwischen Erkenntnis und Handlung klafft in Berlin traditionell ein Abgrund. Schon die Ampelregierung unter Olaf Scholz hatte es versäumt, eine kohärente Energiestrategie zu entwickeln. Stattdessen wurden in hektischem Aktionismus LNG-Terminals an die Küste gestampft – ohne sich offenbar auch nur eine Sekunde Gedanken darüber zu machen, dass man damit lediglich den Lieferanten wechselt, nicht aber die strukturelle Verwundbarkeit beseitigt.
Die neue Bundesregierung steht in der Pflicht
Ob die neue Große Koalition unter Friedrich Merz es besser macht, bleibt abzuwarten. Der Koalitionsvertrag „Verantwortung für Deutschland" enthält zwar ambitionierte Formulierungen zur Energiesicherheit, doch Papier ist bekanntlich geduldig. Das geplante 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen für Infrastruktur könnte theoretisch auch für den Ausbau diversifizierter Energierouten genutzt werden – praktisch dürfte es jedoch in den üblichen bürokratischen Mühlen zerrieben werden. Und die im Grundgesetz verankerte Klimaneutralität bis 2045 wird die Handlungsspielräume zusätzlich einengen, statt sie zu erweitern.
Was Deutschland und Europa brauchen, ist keine ideologiegetriebene Energiewende, sondern eine nüchterne, an Realpolitik orientierte Versorgungsstrategie. Eine Strategie, die nicht von einem dominanten Lieferanten zum nächsten taumelt, sondern echte Diversifizierung schafft. Der Mittlere Korridor bietet diese Chance. Doch Chancen haben die unangenehme Eigenschaft, dass sie verstreichen, wenn man zu lange zögert.
Energiesouveränität entsteht nicht durch den Austausch eines dominanten Lieferanten gegen den nächsten, sondern nur durch echte Diversifizierung – und den politischen Willen, diese auch konsequent umzusetzen.
In Zeiten geopolitischer Verwerfungen – vom Ukraine-Krieg über die Eskalation im Nahen Osten bis hin zu Trumps Handelskriegen – erweist sich einmal mehr, dass physische Sachwerte wie Edelmetalle eine unverzichtbare Säule jeder vorausschauenden Vermögenssicherung darstellen. Wer sein Portfolio gegen die Unwägbarkeiten einer zunehmend instabilen Weltordnung absichern möchte, tut gut daran, Gold und Silber als bewährte Krisenwährungen in seine Anlagestrategie einzubeziehen.
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