
Deutschland lebt von der Substanz: Wie der einstige Industrie-Weltmeister sein Kapital verspielt

Es ist ein leiser Abstieg, kein lauter Knall. Deutschland, jahrzehntelang der stolze Weltmeister der Industrie, verwandelt sich gerade in ein Museum seiner eigenen Vergangenheit. Eine neue Studie des McKinsey Global Institute mit dem Titel „Catalyzing Competitiveness“ legt den Finger in eine Wunde, die längst zu eitern begonnen hat: Unternehmen investieren in diesem Land kaum noch. Und wer nicht investiert, der baut keine Zukunft – der verwaltet nur noch den Verfall.
0,2 Prozent – die Kennzahl der Kapitulation
Man muss sich diese Zahl auf der Zunge zergehen lassen. Die Nettoinvestitionen, also jene Ausgaben, die nach Abzug der Abschreibungen tatsächlich neue Produktionskapazitäten schaffen, betragen in Deutschland gerade einmal 0,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Damit rangiert die einstige Exportnation ganz am Ende der großen Industriestaaten. Schlusslicht. Abgeschlagen. Ein Land, das über Jahrzehnte den Ton angab, tuckert nun hinterher.
Zum Vergleich: China erweitert seinen Kapitalstock jährlich um rund 23 Prozent seiner Wirtschaftsleistung, die Vereinigten Staaten kommen auf etwa 4 Prozent, die EU-27 immerhin auf 2 Prozent. Und Deutschland? Ganze 0,2 Prozent. Das ist kein Standortnachteil mehr, das ist ein Offenbarungseid.
„Unternehmen investieren dort, wo sie die besten Erfolgschancen sehen.“
Ein simpler Satz aus dem Bericht, und doch entlarvend. Denn er bedeutet im Umkehrschluss: In Deutschland sehen Unternehmen diese Chancen offenbar nicht mehr. Die klügsten Köpfe der Wirtschaft stimmen mit den Füßen ab – und marschieren ins Ausland.
Wenn Genehmigungen zur Qual werden
Woran liegt es? Die Studie räumt mit einer bequemen Halbwahrheit auf. Es sind nicht allein die berüchtigten Strompreise, die deutsche Investoren vertreiben – auch wenn diese ideologiegetriebene Energiepolitik der letzten Jahre ihren Teil beigetragen hat. Die Produktion von Polyethylen etwa kostet in Deutschland aufgrund der Erdgaspreise ungefähr doppelt so viel wie in den USA oder Saudi-Arabien. Ein Armutszeugnis für ein Land, das sich einst mit seiner Ingenieurskunst brüstete.
Doch das Problem greift tiefer. Nehmen wir die Genehmigungsverfahren, jene deutsche Paradedisziplin der Selbstblockade. Für ein gewerbliches Bauprojekt vergehen hierzulande im Schnitt rund 200 Tage, bis überhaupt eine Genehmigung vorliegt. In den USA sind es etwa 60 Tage, in China gerade einmal 40. Während anderswo längst gebaut, produziert und verdient wird, ertrinkt der deutsche Unternehmer noch im Formularsumpf einer Bürokratie, die sich selbst genügt.
Kosten, die jeden Investor abschrecken
Die Analyse untersuchte zehn konkrete Investitionsvorhaben – von Halbleiterwerken über Batteriefabriken bis zu Chemieanlagen. Das Ergebnis ist verheerend: Je nach Branche liegen die Gesamtkosten neuer Investitionen in Deutschland zwischen 40 und mehr als 250 Prozent über denen des jeweils wettbewerbsfähigsten Standorts. Wer würde unter solchen Bedingungen freiwillig eine Fabrik bauen?
Die letzte Reserve ist aufgebraucht
Besonders alarmierend ist die Konjunkturumfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer unter mehr als 23.000 Unternehmen. Nur noch 23 Prozent der Betriebe wollen ihre Investitionsbudgets ausweiten, während 34 Prozent bereits kürzen. Ganze 67 Prozent investieren nur noch in den bloßen Ersatz bestehender Anlagen – Wachstum? Fehlanzeige. DIHK-Hauptgeschäftsführerin Helena Melnikov brachte es auf den drastischen Punkt:
„Anders als in früheren Krisen haben viele Betriebe kaum noch Reserven, um den Belastungen etwas entgegenzusetzen. Wir leben in Deutschland von der Substanz.“
Von der Substanz leben – das ist die vornehme Umschreibung für das Aufzehren des Ererbten. Man verbraucht, was Generationen vor uns mühsam aufgebaut haben, ohne Neues zu schaffen. Ein Erbe wird verfrühstückt, während die politisch Verantwortlichen sich lieber mit Genderfragen, Klimaneutralität im Grundgesetz und einem 500-Milliarden-Schuldenberg beschäftigen, der kommende Generationen auf Jahrzehnte fesseln wird.
Was bleibt dem Bürger?
Die McKinsey-Studie beschreibt keinen abrupten Absturz. Noch zehrt Deutschland von seiner alten Stärke, noch hält die UNIDO-Rangliste Erinnerungen an bessere Tage bereit. Doch die Botschaft ist unmissverständlich: Diese Stärke beruht auf gestern. Wer heute nicht investiert, wird morgen nicht mehr dabei sein.
Für den einzelnen Bürger stellt sich damit eine unbequeme Frage: Wie sichere ich mein Vermögen, wenn der Motor der eigenen Volkswirtschaft ins Stocken gerät? Wenn Papierwerte an einer Wirtschaft hängen, die von der Substanz lebt, dann gewinnt jene Anlageform an Bedeutung, die keine Bilanz und keinen Genehmigungsstau kennt: physische Edelmetalle. Gold und Silber sind über Jahrtausende ihrer Rolle als Wertspeicher treu geblieben – unabhängig davon, ob ein Land seine industrielle Spitzenposition verteidigt oder leichtfertig verspielt. Als solide Beimischung zu einem breit gestreuten Portfolio bieten sie einen Anker in unsicheren Zeiten.
Ein Weckruf, der gehört werden muss
Deutschland hat, wie der Studienpartner Jan Mischke betonte, „enormes industrielles Know-how“. Doch Know-how allein baut keine Fabriken. Es braucht endlich Politiker, die begreifen, dass Wohlstand nicht durch Umverteilung entsteht, sondern durch Wertschöpfung. Die Bürger dieses Landes verdienen eine Regierung, die für Deutschland arbeitet und nicht gegen den eigenen Standort. Alles andere ist der schleichende Abschied vom Wohlstand, den wir uns alle nicht leisten können.
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