
Das Ende einer digitalen Steinzeit: AOL kapituliert vor der Moderne
Es ist soweit: Der letzte Dinosaurier der Internet-Ära macht die Schotten dicht. AOL, einst der unumstrittene König der Einwahlverbindungen, zieht Ende September den Stecker bei seinem Modem-Service in den USA. Was für viele wie eine Meldung aus dem digitalen Museum klingt, ist tatsächlich das Ende einer Technologie, die erstaunlicherweise bis heute überlebt hat.
Wenn Nostalgie auf Realität trifft
Man möchte es kaum glauben, aber im Jahr 2025 wählten sich tatsächlich noch Menschen per Modem ins Internet ein. Laut Daten des US Census Bureau nutzten 2023 noch über 163.000 amerikanische Haushalte ausschließlich diese vorsintflutliche Verbindungsmethode. Das entspricht zwar nur 0,1 Prozent aller Internetnutzer, aber die schiere Existenz dieser digitalen Neandertaler im Zeitalter von 5G und Glasfaser wirft Fragen auf.
AOL selbst hüllt sich in Schweigen darüber, wie viele Kunden tatsächlich noch betroffen sind. CNBC berichtet von einem dramatischen Rückgang von 2,1 Millionen Nutzern im Jahr 2015 auf nur noch wenige Tausend im Jahr 2021. Die Frage drängt sich auf: Wer sind diese Menschen, die im Jahr 2025 noch das charakteristische Einwahlgeräusch eines Modems ertragen?
Boris Becker und die goldenen Zeiten
Hierzulande verbinden viele AOL noch mit Boris Beckers legendärem "Ich bin drin"-Werbespot. Eine Zeit, in der das Internet noch ein Abenteuer war und nicht die selbstverständliche Infrastruktur, die heute jeder Teenager für TikTok-Videos verschwendet. Damals war jede Minute online kostbar - und teuer. Heute jammern die Leute, wenn ihr Netflix-Stream für drei Sekunden ruckelt.
"AOL evaluiert regelmäßig seine Produkte und Dienstleistungen und hat beschlossen, das Einwahl-Internet einzustellen"
Diese nüchterne Unternehmenserklärung markiert das Ende einer Ära. Doch während sich die digitale Welt rasant weiterdreht, scheint Deutschland beim Breitbandausbau immer noch in der Modem-Zeit festzustecken. Während andere Länder flächendeckend Glasfaser verlegen, diskutiert man hierzulande noch über Funklöcher und lahme DSL-Verbindungen.
Das große digitale Sterben
AOL reiht sich ein in eine lange Liste digitaler Ikonen, die den Weg alles Irdischen gegangen sind. Microsoft verabschiedete sich bereits vom Internet Explorer und stellte Anfang 2025 auch Skype ein. Der AOL Instant Messenger hauchte schon 2017 sein digitales Leben aus. Es ist, als würde man zusehen, wie die Gründerväter des Internets einer nach dem anderen das Zeitliche segnen.
Die Ironie dabei: Während diese Urgesteine verschwinden, pumpt unsere Bundesregierung Milliarden in "Digitalisierungsprojekte", die oft nicht mehr hervorbringen als hübsche PowerPoint-Präsentationen und Beraterverträge. Das neue 500-Milliarden-Sondervermögen für Infrastruktur wird vermutlich auch wieder mehr in Bürokratie als in Glasfaserkabel fließen.
Was bleibt von der digitalen Revolution?
Die Abschaltung des AOL-Modemdienstes ist mehr als nur eine technische Randnotiz. Sie symbolisiert den unaufhaltsamen Wandel einer Technologie, die einst revolutionär war und heute bestenfalls als Kuriosität gilt. Doch während wir uns über die letzten Modem-Nutzer amüsieren, sollten wir nicht vergessen: In vielen ländlichen Gebieten Deutschlands wären die Menschen froh, überhaupt eine stabile Internetverbindung zu haben - egal ob per Modem oder Brieftaube.
Die wahre Tragödie ist nicht, dass AOL seinen Modem-Service einstellt. Die wahre Tragödie ist, dass es im Jahr 2025 immer noch Menschen gibt, die darauf angewiesen waren. Und dass in einem Land, das sich gerne als Technologiestandort bezeichnet, der Breitbandausbau langsamer voranschreitet als die Entscheidungsfindung in der Berliner Politik.
Fazit: Während AOL das letzte Kapitel der Modem-Ära schließt, sollten wir uns fragen, ob wir in Deutschland nicht immer noch zu sehr in der digitalen Vergangenheit leben. Vielleicht ist es an der Zeit, weniger über Gendern in E-Mails zu diskutieren und mehr darüber, wie wir endlich flächendeckend ins 21. Jahrhundert kommen.
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