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Das „deutsche Davos" zerfällt: Weimer-Affäre lässt Ludwig-Erhard-Gipfel zur Lachnummer verkommen

Das „deutsche Davos" zerfällt: Weimer-Affäre lässt Ludwig-Erhard-Gipfel zur Lachnummer verkommen

Was einst als exklusives Treffen der politischen und wirtschaftlichen Elite Deutschlands galt, droht nun zu einem peinlichen Schauspiel zu werden. Der Ludwig-Erhard-Gipfel, der sich selbstbewusst als „deutsches Davos" und „Deutschlands Meinungsführertreffen" bezeichnete, erlebt nach der Affäre um Kulturstaatsminister Wolfram Weimer einen beispiellosen Niedergang. Politiker fliehen in Scharen, Sponsoren wackeln bedenklich, und die einst so glanzvolle Veranstaltung schrumpft zum bemitleidenswerten Gipfelchen zusammen.

Die Enthüllung, die alles ins Wanken brachte

Im November vergangenen Jahres erschütterte eine brisante Recherche das politische Berlin: Die Weimer Media Group, das damalige Unternehmen des Kulturstaatsministers, soll in Sponsoring-Verhandlungen damit geworben haben, gegen entsprechende Bezahlung „Einfluss auf politische Entscheidungsträger" vermitteln zu können. Besonders pikant erscheint dabei die offensiv beworbene „Executive Night", an der auch „die Minister" teilnehmen sollten. Der Verdacht liegt nahe, dass hier mit den Kontakten zu Weimers Ministerkollegen bares Geld verdient wurde – ein Geschäftsmodell, das in einer funktionierenden Demokratie eigentlich undenkbar sein sollte.

Doch offenbar hat sich in den vergangenen Jahren eine politische Klasse etabliert, die den Unterschied zwischen öffentlichem Amt und privatem Geschäftsinteresse nicht mehr zu kennen scheint. Wie sonst ließe sich erklären, dass ein solches Konstrukt überhaupt entstehen konnte?

Die Flucht der Prominenz

Noch im November präsentierte sich die angekündigte Gästeliste als wahres Who's Who der deutschen Politik: Vier Bundesminister, mehrere bayerische Staatsminister, und die Schirmherrschaft sollte wie gewohnt Ministerpräsident Markus Söder übernehmen. Die bayerische Staatsregierung trat sogar als offizieller Sponsor auf. Doch diese Zeiten sind vorbei.

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche, die einst auf dem Gipfel scherzte, man werde nach elf Teilnahmen Bundeswirtschaftsminister, machte als Erste den Rückzieher. Ihr Ministerium ließ lapidar mitteilen, es liege „keine Zusage für den Ludwig-Erhard-Gipfel vor" – obwohl sie für das Event angekündigt war und bisher an jeder einzelnen Ausgabe teilgenommen hatte. Die sogenannte „Tegernsee-Connection" zwischen Reiche, Weimer und dem heutigen Bundeskanzler Friedrich Merz scheint plötzlich ihre Anziehungskraft verloren zu haben.

Söders Distanzierung als Startschuss für die Absagewelle

Anfang Januar war es dann Markus Söder selbst, der den entscheidenden Dominostein umstieß. Der CSU-Chef kündigte an, die Schirmherrschaft für den kommenden Gipfel auszusetzen, und kommentierte die Geschäftspraktiken des Kulturstaatsministers mit den Worten: „Entweder will man Geld verdienen oder man will in der Politik bleiben. Zusammen geht es nicht." Eine bemerkenswerte Erkenntnis, die man sich von einem Politiker eigentlich schon früher gewünscht hätte.

Nach Söders Rückzug folgte eine regelrechte Absagewelle: Die angekündigten CSU-Minister aus seinem Kabinett sagten ab, ebenso alle für das Treffen vorgesehenen Bundesminister – Kanzleramtschef Thorsten Frei, Forschungsministerin Dorothee Bär und Landwirtschaftsminister Alois Rainer. Von den ursprünglich dreizehn angekündigten Politik-Speakern haben mittlerweile sieben ihre Teilnahme zurückgezogen.

Die peinliche Webseiten-Kosmetik

Besonders entlarvend ist der Umgang der Veranstalter mit der Situation: Der Reiter für die Speaker des kommenden Gipfels wurde kurzerhand von der Webseite gelöscht. Wer sich über das Programm informieren möchte, findet lediglich Verweise auf das Vorjahr – als noch zahlreiche Bundesminister und Spitzenpolitiker wie Bundestagspräsidentin Julia Klöckner teilnahmen. Bei Eintrittspreisen von bis zu 3.000 Euro für einfache Teilnehmer ist eine derart auskunftskarge Präsentation mehr als verwunderlich – sie grenzt an Irreführung.

Auch bei den Sponsoren zeigen sich tiefe Risse: Mehrere angekündigte Partner mussten stillschweigend von der Webseite entfernt werden, da bestimmte Kooperationen – etwa mit Focus Online – für den kommenden Gipfel in Wahrheit überhaupt nicht bestanden. Die Schörghuber Gruppe, Holding hinter der Paulaner-Brauerei, macht ihr weiteres Engagement vom Ergebnis einer noch laufenden Compliance-Prüfung abhängig. Selbst Top-Sponsor Audi gibt an, die Partnerschaft „fortlaufend zu prüfen".

Die erstaunliche Gelassenheit der Weimers

Christiane Goetz-Weimer, Ehefrau des Kulturstaatsministers und Mitgesellschafterin der Gruppe, zeigt sich von alldem erstaunlich unbeeindruckt. „Gerade in Zeiten, in denen unterschiedlichste Meldungen und Gerüchte kursieren, ist es gut, auf gewachsene und vertrauensvolle Partnerschaften bauen zu können", ließ sie verlauten. Die Existenz des Gipfels sieht die Verlegerin nicht gefährdet.

Noch bemerkenswerter ist ihre Erklärung für die Politikerabsagen: Der Gipfel hätte in diesem Jahr „ohnedies weniger politisch" sein und sich stattdessen auf Wirtschaftsthemen konzentrieren sollen. Freilich beantwortet das nicht die Frage, weshalb dann so viele Politiker eingeladen waren – und weshalb man mit dem Zugang zu „den Ministern" geworben hatte.

Ein Gipfel ohne Substanz

Bereits vor der Affäre mehrten sich kritische Stimmen. In einem Bericht über den Gipfel 2025 wird ein langjähriger Teilnehmer zitiert: „Es waren viel mehr Unternehmer da. Jetzt tummelten sich vor allem Typen wie er hier herum – Banker, Berater, Leute eben, die dem deutschen Mittelstand bei solchen Events ihre Dienste verkaufen wollen. Wir stehen uns ein bisschen auf den Füßen."

Diese Beobachtung offenbart das eigentliche Problem: Der Ludwig-Erhard-Gipfel war längst zu einer Selbstbedienungsveranstaltung verkommen, bei der weniger der Austausch von Ideen als vielmehr das Knüpfen lukrativer Kontakte im Vordergrund stand. Dass ausgerechnet der Name Ludwig Erhards, des Vaters der sozialen Marktwirtschaft, für solche Geschäftspraktiken herhalten musste, ist eine besondere Ironie der Geschichte.

Ein Symptom tieferliegender Probleme

Die Weimer-Affäre ist mehr als nur ein Skandal um einen einzelnen Politiker. Sie offenbart die Verflechtungen zwischen Politik und Wirtschaft, die in Deutschland längst bedenkliche Ausmaße angenommen haben. Wenn Zugang zu Ministern für 80.000 Euro verkauft werden kann, wenn „Einfluss auf politische Entscheidungsträger" zur Handelsware wird, dann stimmt etwas Grundlegendes nicht mehr in unserem politischen System.

Die Tatsache, dass ein solches Geschäftsmodell jahrelang funktionieren konnte, wirft unangenehme Fragen auf: Wie viele ähnliche Konstrukte existieren noch im Verborgenen? Und warum schreiten die zuständigen Behörden erst ein, wenn investigative Journalisten die Missstände aufdecken?

„Entweder will man Geld verdienen oder man will in der Politik bleiben. Zusammen geht es nicht."

Markus Söders Worte klingen wie eine späte Einsicht. Doch sie werfen die Frage auf, warum diese Erkenntnis nicht schon früher zu Konsequenzen geführt hat. Die bayerische Staatsregierung war schließlich jahrelang offizieller Sponsor des Gipfels – und Söder selbst übernahm regelmäßig die Schirmherrschaft.

Das Ende einer Illusion

Der Ludwig-Erhard-Gipfel steht vor einem Scherbenhaufen. Die Compliance-Prüfung ist noch nicht abgeschlossen, weitere Sponsoren könnten abspringen, und die politische Prominenz hat sich längst in alle Winde zerstreut. Das selbsternannte „deutsche Davos" entpuppt sich als das, was es vermutlich immer war: eine aufgeblasene Veranstaltung, die mehr vom Schein als vom Sein lebte.

Für den deutschen Bürger bleibt die bittere Erkenntnis, dass in der politischen Klasse offenbar andere Regeln gelten als für den Rest der Bevölkerung. Während normale Menschen für jeden Interessenkonflikt zur Rechenschaft gezogen werden, konnte ein Staatsminister jahrelang ein Geschäftsmodell betreiben, das den Zugang zur Macht zur Ware machte. Ob Wolfram Weimer jemals zur Verantwortung gezogen wird, bleibt abzuwarten. Die Geschichte lehrt uns leider, dass solche Affären in Deutschland allzu oft folgenlos im Sande verlaufen.

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