
Brandkatastrophe von Crans-Montana: Bürgermeister im Fadenkreuz der Ermittler
Zwei Monate nach der verheerenden Silvesternacht, die 41 Menschen das Leben kostete, zieht die Justiz im Schweizer Kanton Wallis die Schlinge enger. Was als ausgelassene Neujahrsfeier begann, endete in einer der schlimmsten Brandkatastrophen der jüngeren Schweizer Geschichte – und nun rückt die Frage nach dem politischen Versagen immer stärker in den Vordergrund.
Ermittlungen gegen den Gemeindechef ausgeweitet
Die Staatsanwaltschaft des Kantons Wallis hat ihre Untersuchungen erheblich ausgeweitet. Neben den bereits beschuldigten Barbetreibern Jacques und Jessica Moretti steht nun auch Bürgermeister Nicolas Féraud im Visier der Ermittler. Hinzu kommen vier weitere Personen, die für den Brandschutz und die Sicherheit in der Gemeinde zuständig waren oder noch sind. Die Vorwürfe wiegen schwer: fahrlässige Tötung, fahrlässige Körperverletzung und fahrlässige Brandstiftung.
Was sich in der Bar „Le Constellation" in jener Neujahrsnacht abspielte, liest sich wie ein Albtraum aus Nachlässigkeit und behördlichem Wegschauen. Funkensprühende Partyfontänen – jene vermeintlich harmlosen Tischfeuerwerke, die auf unzähligen Feiern zum Einsatz kommen – setzten Schaumstoff an der Decke des Lokals in Brand. Innerhalb kürzester Zeit verwandelte sich der Partyraum in eine tödliche Falle. 41 Menschen starben, mehr als 80 wurden zum Teil schwerst verletzt.
Sechs Jahre ohne Kontrolle – ein Skandal mit Ansage
Besonders brisant ist ein Detail, das die Gemeinde selbst einräumen musste: Seit 2019 hatte keine einzige Brandschutzkontrolle in der betroffenen Bar stattgefunden. Und das, obwohl solche Überprüfungen jährlich vorgeschrieben sind. Sechs Jahre lang schaute offenbar niemand hin. Sechs Jahre, in denen brennbarer Schaumstoff an der Decke eines öffentlich zugänglichen Lokals klebte. Sechs Jahre, in denen die Verantwortlichen ihre elementarste Pflicht – den Schutz der Bürger – schlicht ignorierten.
Man muss sich diese Dimension auf der Zunge zergehen lassen: Eine Gemeinde, die von Tourismus lebt, die Tausende Besucher in ihre Bars und Restaurants lockt, versäumt es über einen halben Jahrzehnt hinweg, auch nur die grundlegendsten Sicherheitsstandards zu überprüfen. Wie viele andere Lokale in Crans-Montana – oder in anderen Schweizer Gemeinden – mögen ähnliche Defizite aufweisen?
Konsequenzen, die zu spät kommen
Die Schweizer Behörden haben mittlerweile reagiert. Funkensprühende Partyfontänen sind in öffentlich zugänglichen Räumen landesweit verboten worden. Der Schweizer Journalist Rolf Dietrich brachte es auf den Punkt, als er erklärte, die Brandschutzkontrollen würden „in Zukunft viel, viel konsequenter durchgeführt". Doch für 41 Familien kommen diese Worte zu spät. Viel zu spät.
Der Fall erinnert auf schmerzhafte Weise daran, wohin es führt, wenn staatliche Aufsichtspflichten vernachlässigt werden. Es ist ein Muster, das man nicht nur in der Schweiz beobachten kann. Auch in Deutschland kennt man das Phänomen nur zu gut: Behörden, die ihre Kontrollaufgaben schleifen lassen, Vorschriften, die nur auf dem Papier existieren, und Politiker, die erst dann handeln, wenn die Katastrophe bereits eingetreten ist. Die Tragödie von Crans-Montana sollte als mahnendes Beispiel dienen – nicht nur für die Schweiz, sondern für ganz Europa.
Ob Bürgermeister Féraud und die weiteren Beschuldigten tatsächlich strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden, bleibt abzuwarten. Die Ermittlungen dauern an. Eines steht jedoch bereits fest: Das Vertrauen der Bevölkerung in ihre gewählten Vertreter hat in Crans-Montana einen schweren, möglicherweise irreparablen Schaden erlitten.

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