
Blechkollege im Umspannwerk: Eon schickt Humanoide ins Stromnetz!

Deutschlands Stromnetze bekommen neue Kollegen aus Stahl, Sensoren und künstlicher Intelligenz. Der Energiekonzern Eon, der ostdeutsche Versorger EnviaM und der schwäbische Roboterhersteller Neura Robotics haben am Donnerstag eine Partnerschaft bekanntgegeben. Humanoide Roboter sollen künftig Netzmonteure bei Kontrollen und gefährlichen Arbeiten unterstützen, erste Praxiserfahrungen erwarten die Partner im Laufe des Jahres 2027.
Wenn die Hände fehlen, kommt die Maschine
Hinter dem Vorstoß steckt ein Problem, das die deutsche Wirtschaft seit Jahren lähmt: Es fehlen Fachkräfte. Ausgerechnet bei den Stromnetzen wird das heikel. Sie sollen den politisch gewollten Umbau der Energieversorgung tragen, und dafür brauchen sie mehr Personal als je zuvor.
EnviaM-Chef Stephan Lowis beschreibt die Lage offen. Mit der Elektrifizierung müssten Leitungen und Anlagen ausgebaut, modernisiert und laufend überwacht werden, auf den Netzen laste mehr denn je. Über die Beschäftigten sagt er:
„Humanoide Roboter können sie gezielt entlasten.“
Aus Sicht unserer Redaktion ist das eine bemerkenswerte Pointe. Berlin beschließt immer ehrgeizigere Ausbauziele, und die Unternehmen suchen sich ihre Helfer inzwischen in der Robotik, weil der Arbeitsmarkt sie nicht mehr hergibt.
Diese Jobs sollen die Roboter übernehmen
Laut den beteiligten Unternehmen geht es zunächst um klar umrissene Aufgaben:
- Inspektionen und Überwachung technischer Anlagen, darunter Umspannwerke
- Unterstützung bei der Sicherung von Anlagen
- körperlich belastende, eintönige oder potenziell gefährliche Tätigkeiten
Der große Vorteil der menschenähnlichen Maschinen: Umspannwerke und Schaltanlagen sind für Menschen gebaut, mit Treppen, Türen, Schaltschränken und Werkzeugen. Ein humanoider Roboter wie das Modell 4NE1 von Neura soll sich darin bewegen können, ohne dass auch nur eine Anlage umgebaut werden muss.
Trainingslager in München, Ernstfall in Ostdeutschland
Bevor die Roboter auch nur ein Kabel berühren, gehen sie ins Trainingslager. Das TUM RoboGym hat Neura gemeinsam mit der Technischen Universität München im Oktober 2026 am LabCampus des Münchner Flughafens eröffnet. Auf mehr als 2.300 Quadratmetern trainieren dort nach Unternehmensangaben bereits Firmen aus über zehn Branchen. Mit Eon kommt nun die Energiewirtschaft hinzu.
Gelernt wird auf drei Wegen. Erfahrene Fachkräfte führen ihre Handgriffe vor, erfasst über Sensoranzüge, Motion-Capture und Fernsteuerung. Dazu kommen Messdaten echter Roboter im Einsatz und virtuelle Simulationen. Das KI-Modell „Neuron AI“ soll dabei nicht nur Bilder auswerten, sondern auch Geräusche, Berührungen und Kräfte.
Danach folgt der Ernstfall. Die EnviaM-Tochter Mitnetz Strom übernimmt als Pilotpartner die Tests im laufenden Netzbetrieb. Ihr Verteilnetz misst rund 71.000 Kilometer und erstreckt sich über Teile von Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Eon und EnviaM sollen nach Angaben der Partner jederzeit die Kontrolle über ihre Daten und die trainierten Fähigkeiten behalten.
Große Vision, offene Fragen
Bei aller Begeisterung lohnt ein nüchterner Blick. Bislang existiert ein Plan, kein Regelbetrieb. Ob ein Roboter in einem echten Umspannwerk bei Regen, Hitze und Hochspannung zuverlässig arbeitet, muss sich erst zeigen. 2027 soll es erste Erfahrungen geben, eine flächendeckende Lösung ist das noch nicht.
Trotzdem steckt in dem Projekt eine gute Nachricht. Neura wurde 2019 gegründet, hat seinen Sitz im schwäbischen Metzingen und will nach eigener Aussage eine skalierbare Grundlage für KI-Robotik in kritischer Infrastruktur schaffen, „entwickelt und trainiert in Europa“. Wenn beim Thema humanoide Roboter meist von amerikanischen und chinesischen Konzernen die Rede ist, zeigt ein Mittelständler von der Schwäbischen Alb, dass deutscher Erfindergeist noch lebt.
Bleibt die unbequeme Frage: Wie weit ist ein Land gekommen, in dem die Sicherheit der Stromversorgung bald auch von Robotern abhängt, weil die Menschen fehlen? Die Technik kann helfen. Die eigentlichen Versäumnisse liegen nach Ansicht vieler Kritiker aber bei der Fachkräfte- und Bildungspolitik der vergangenen Jahre, und die lassen sich mit keinem Algorithmus beheben.
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