
Bellevue-Poker: Setzt Merz auf eine Frau, die kaum jemand kennt?

Bundeskanzler Friedrich Merz soll eine Kandidatin für die Nachfolge von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier favorisieren, die außerhalb Hessens kaum jemand kennt: Ines Claus, CDU-Fraktionschefin im Wiesbadener Landtag. Das berichtet die Rheinische Post unter Berufung auf hochrangige CDU-Kreise. Der Machtkampf mit der CSU, die seit Monaten für Ilse Aigner wirbt, dürfte damit härter werden.
Dementi aus dem Kanzler-Umfeld
Ganz so festgezurrt ist die Sache offenbar noch nicht. Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur hieß es aus dem Merz-Umfeld, der Kanzler habe „sich weder festgelegt noch einen Vorschlag unterbreitet“. Nach seiner Asienreise in der kommenden Woche wolle Merz die Personalfrage aber klären, heißt es in dem Bericht.
Claus selbst wiegelt nicht ab. Im Gegenteil. Der Rheinischen Post sagte die 49-Jährige:
„Es ist für mich eine große Ehre, in diesem Zusammenhang genannt zu werden.“
Das klingt nicht nach einer Absage. Eher nach einer, die bereitsteht.
Wer ist Ines Claus?
Die Volljuristin ist seit 1998 CDU-Mitglied und sitzt seit 2019 im Hessischen Landtag. Im April 2020 übernahm sie den Vorsitz der CDU-Fraktion. Seit 2022 gehört sie dem Präsidium der Bundespartei an, im Februar dieses Jahres wählte man sie zur stellvertretenden Bundesvorsitzenden.
Davor arbeitete sie in der Verwaltung: als persönliche Referentin des hessischen Landtagspräsidenten und als Leiterin des Bereichs Europa und Internationale Beziehungen. Ein Mandat auf Bundesebene hatte sie nie. Selbst in der Union gilt ihre geringe Bekanntheit laut dem Bericht als Nachteil. Für das höchste Amt im Staat ist das eine bemerkenswerte Ausgangslage.
Söder hat längst seine Favoritin
Brisant ist der Vorstoß vor allem wegen München. CSU-Chef Markus Söder trommelt seit Monaten für die bayerische Landtagspräsidentin Ilse Aigner. Die 61-Jährige bekommt inzwischen auch Rückenwind aus anderen Lagern. Für sie ausgesprochen haben sich unter anderem Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) und Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD). Am Montag schloss sich SPD-Fraktionschef Matthias Miersch an und drängte auf eine schnelle Entscheidung.
Die CDU-Spitze hält dagegen bisher daran fest, eine eigene Kandidatin aufzustellen. Beobachter sprechen bereits von einem möglichen Zusammenstoß zwischen Merz und Söder. In einer Koalition, die ohnehin unter Druck steht, wäre ein offener Streit in der Union das Letzte, was der Kanzler gebrauchen kann.
Weitere Namen im Gespräch
Unionsfraktionschef Thorsten Frei wollte sich am Dienstag nicht auf Claus festlegen. Bei Welt TV brachte er drei andere Frauen ins Gespräch:
- Bundestagspräsidentin Julia Klöckner
- Bildungsministerin Karin Prien
- die frĂĽhere CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer
Dass auf dieser Liste nur Frauen stehen, wirkt kaum zufällig. Kritiker dürften fragen, ob am Ende wieder Proporz und Symbolik den Ausschlag geben und nicht Format und Lebensleistung.
Der Fahrplan bis zur Wahl
Am 9. November will das CDU-Präsidium über die Personalie beraten. Gewählt wird das neue Staatsoberhaupt am 30. Januar 2027 von der Bundesversammlung. Ihr gehören alle Bundestagsabgeordneten an und ebenso viele Delegierte, die von den Landesparlamenten entsandt werden. In den ersten beiden Wahlgängen braucht ein Bewerber die absolute Mehrheit, im dritten genügt die einfache Mehrheit. Steinmeier selbst kann nach zwei Amtszeiten nicht noch einmal antreten.
Am Ende bleibt eine Frage, die viele Bürger umtreiben dürfte: Geht es hier um die beste Besetzung für das Schloss Bellevue oder um ein Machtspiel zwischen Kanzleramt und CSU-Zentrale? Das höchste Amt im Staat lebt von Autorität und Ansehen in der Bevölkerung. Beides lässt sich nicht im Präsidium beschließen.
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