
Beitragsgelder im Feuer: 1,1 Milliarden Euro der Kassen wackeln

Es ist das Geld der Versicherten – und es steckt in Immobilienwetten. Das Bundesamt für Soziale Sicherung (BAS) bewertet Geldanlagen gesetzlicher Krankenkassen im Nominalwert von rund 1,1 Milliarden Euro inzwischen als „leistungsgestört". Rund 400 Millionen Euro davon mussten die betroffenen Kassen bis Ende 2025 bereits als Wertverlust abschreiben.
Die Zahlen stammen aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen im Bundestag, über die zunächst NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung berichteten. Noch im August war in Medienberichten von rund 220 Millionen Euro die Rede. Der Schaden hat sich damit binnen weniger Wochen vervielfacht.
Schuldscheine statt Hüftgelenke
Laut der Regierungsantwort investierten zwölf bundesunmittelbare Krankenkassen rund 900 Millionen Euro in immobilienbesicherte Schuldscheindarlehen. Elf Kassen kauften für weitere etwa 200 Millionen Euro Inhaberschuldverschreibungen – unter anderem der Fonds Verius II und Verius III.
Der Zeitpunkt sagt viel: Es war die Phase der Null- und Negativzinsen, gemacht von einer Europäischen Zentralbank, die Sparen bestrafte und Risiko belohnte. Nach der Zinswende 2022 kippten die Immobilienmärkte – und mit ihnen die schönen Renditeversprechen.
Übrig bleiben Anlagewerte von über 700 Millionen Euro, die noch in den Bilanzen stehen. Das BAS gehe davon aus, dass bei den Verius-Papieren weitere Verluste entstehen könnten, heißt es in der Antwort. Einige Kassen hätten für die Jahresrechnung 2026 zusätzliche Wertberichtigungen angekündigt. Ein Gesamtverlust lasse sich noch nicht beziffern.
Das Gesetz war eindeutig – aber offenbar egal
Dabei ist die Rechtslage von bemerkenswerter Klarheit. Das Vierte Sozialgesetzbuch verlangt, Mittel der Sozialversicherungsträger so anzulegen, dass „ein Verlust ausgeschlossen erscheint" – bei angemessenem Ertrag, ausreichender Liquidität, mit Mischung und Streuung.
Wie passt dazu ein Immobilien-Schuldschein? Aus Sicht unserer Redaktion gar nicht. Wer Beiträge für Operationen, Medikamente und Pflege verwaltet, ist Treuhänder – kein Renditejäger.
Die Aufsicht schaute lange zu
Besonders unangenehm liest sich die Chronologie der Kontrolle. Erste Kenntnis von solchen Schuldscheindarlehen hatte das BAS nach Regierungsangaben bereits 2017; konkrete Leistungsstörungen seien damals nicht erkennbar gewesen, empfohlen wurde ein „qualifiziertes Risikomanagement". Die Verius-Papiere waren zwischen 2020 und 2022 Gegenstand von vier Aufsichtsprüfungen.
Gestoppt wurde offenbar nichts. Die Behörde verweist darauf, sie nehme Rechts- und Wirtschaftlichkeitskontrollen vor; eine Aufsicht sei nicht verpflichtet, eine Kasse „fachlich versiert" bei Geldanlagen zu beraten. Die Bundesregierung erklärt, der Sachverhalt müsse nun „sorgfältig aufgeklärt" werden.
Wer zahlt am Ende? Dreimal darf man raten
Die Opposition fordert Konsequenzen. Die Grünen-Haushaltspolitikerin Paula Piechotta verlangte, alle Schadensersatzforderungen gegenüber Rating-Agenturen und Fonds-Inhabern zu prüfen und offenzulegen, welche Kassen betroffen sind. Der Linken-Gesundheitspolitiker Ates Gürpinar sprach von „Klientelpolitik für die Finanzlobby".
Für Beitragszahler ist die Botschaft bitter: Beim Zahnersatz wird um jeden Zuschuss gefeilscht, beim Hörgerät gerechnet – während Hunderte Millionen in Fondsstrukturen versickern. Einzelne Kassen klagen inzwischen, Gerichtsverfahren laufen. Ob Geld zurückkommt, ist völlig offen.
Der Fall zeigt eine alte Wahrheit: Papierversprechen können ausfallen. Physische Edelmetalle bleiben für viele Sparer eine sinnvolle Ergänzung zur Vermögenssicherung – als Baustein in einem breit gestreuten Portfolio.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und stellt keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung dar. Er gibt unsere Einschätzung auf Basis der vorliegenden Informationen wieder. Jeder Leser sollte eigenständig recherchieren und trägt die Verantwortung für seine Entscheidungen selbst.
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