
1,1 Milliarden Euro in Gefahr: Krankenkassen verzockt?

Millionen Versicherte zahlen seit Januar 2026 höhere BeitrĂ€ge â und gleichzeitig geraten die Geldanlagen der gesetzlichen Krankenkassen ins Rutschen. Nach einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der GrĂŒnen, ĂŒber die mehrere öffentlich-rechtliche Sender und eine groĂe Tageszeitung berichten, gelten allein bei bundesweit tĂ€tigen Kassen Anlagen im Volumen von rund 1,1 Milliarden Euro als âleistungsgestörtâ. ZustĂ€ndige Aufsicht: das Bundesamt fĂŒr Soziale Sicherung (BAS).
Was âleistungsgestörtâ wirklich bedeutet
Die Milliarde ist noch kein verbrannter Euro. Leistungsgestört heiĂt: Zinsen flieĂen nicht wie versprochen, Renditeerwartungen werden deutlich verfehlt â im schlimmsten Fall droht der Totalausfall des Kapitals. Die Summe ist damit eher eine Risikomarke als eine Schlussrechnung.
Laut den berichteten Zahlen des BAS steckten zwölf Kassen rund 900 Millionen Euro in Schuldscheindarlehen, die inzwischen als problematisch gelten. Weitere elf Kassen legten zusammen etwa 200 Millionen Euro in kritischen Inhaberschuldverschreibungen an. Ob sich die Gruppen ĂŒberschneiden, geht aus den Angaben nicht hervor.
Vom Immobilienfonds zum Systemproblem
Bereits im Sommer hatten Recherchen erhebliche Verluste bei Kassen und KassenĂ€rztlichen Vereinigungen offengelegt â Anfang August waren es knapp 220 Millionen Euro, im Mittelpunkt standen die Immobilienfonds Verius II und III. Die neue Zahl zeigt: Es geht um mehr als zwei unglĂŒckliche Fonds.
Besonders pikant ist ein Fall bei der KassenĂ€rztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe. PrĂŒfer stieĂen dem Bericht zufolge auf ein Darlehen ĂŒber 30 Millionen Euro fĂŒr ein GrundstĂŒck, das damals nur rund eine Million Euro wert gewesen sein soll. Der mit der Aufarbeitung beauftragte Rechtsanwalt AndrĂ© GroĂe Vorholt wird zitiert:
âWer da richtig hingeschaut hĂ€tte, der hĂ€tte gesehen, dass das kein sicheres Investment sein konnte.â
Das Gesetz war eindeutig â die Praxis offenbar nicht
Paragraf 80 des Sozialgesetzbuchs IV verlangt, dass SozialversicherungstrĂ€ger ihre Mittel so anlegen, dass âein Verlust ausgeschlossen erscheintâ. Sicherheit vor Rendite, so klar steht es im Gesetz. ZinssĂ€tze zwischen 15 und 18,5 Prozent, die Projektgesellschaften laut frĂŒheren Recherchen zahlen mussten, wurden von einem Finanzexperten gegenĂŒber der Tagesschau als deutliches Risikosignal gewertet.
Betroffene HĂ€user verweisen auf Gutachten, die die Anlagen grundsĂ€tzlich als zulĂ€ssig einordneten. Eine PrĂŒfung von KPMG kam zu diesem Ergebnis â wies aber darauf hin, dass die wirtschaftliche Bewertung Sache der Investoren bleibe. Mehrere Verfahren laufen inzwischen vor Gericht; dort dĂŒrfte es auch um die Haftungsfrage gehen.
Aufsicht mahnt â nachtrĂ€glich
Am 7. September 2026 erinnerte das BAS âaus gegebenem Anlassâ alle bundesunmittelbaren TrĂ€ger per Rundschreiben an die Anlageregeln. Anlagen sind vorab weder anzeige- noch genehmigungspflichtig â die Kassen entscheiden eigenverantwortlich. Zum 1. Januar 2027 sollen bestimmte immobilienbesicherte Anlagen aus dem Katalog gestrichen werden.
Und der Beitragszahler? Zahlt.
Das BAS beaufsichtigt 58 bundesweit tĂ€tige Kassen, insgesamt gibt es 93 gesetzliche Krankenkassen plus 17 KassenĂ€rztliche Vereinigungen â regionale Kassen kontrollieren die LĂ€nder. Die Dunkelziffer könnte also wachsen.
Im ersten Halbjahr 2026 erzielten die Kassen laut Bundesgesundheitsministerium 2,6 Milliarden Euro Ăberschuss â vor allem dank der Beitragserhöhung zum Jahresanfang. Der durchschnittliche Zusatzbeitrag stieg 2026 nach amtlichen Angaben von 2,5 auf 2,9 Prozent. Die Leistungsausgaben legten um 7,4 Prozent zu, die Beitragseinnahmen nur um 4,1 Prozent. Aus Sicht unserer Redaktion ein bitteres Muster: Erst wird kassiert, dann kontrolliert.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und stellt keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung dar. Er beruht auf den uns vorliegenden Informationen und enthĂ€lt Bewertungen unserer Redaktion. Jeder Anleger muss eigenverantwortlich recherchieren und entscheiden. Wer Vermögen langfristig absichern will, prĂŒft Streuung â physische Edelmetalle können dabei eine sinnvolle Beimischung sein.
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