
Trumps Angriff auf Europa: Wenn ein Philosoph die Maske der neuen Weltordnung zerreißt

Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek hat in einem bemerkenswerten Gastbeitrag eine schonungslose Analyse der gegenwärtigen geopolitischen Lage vorgelegt. Seine These ist so provokant wie erschreckend zutreffend: Was wir derzeit erleben, sei nichts Geringeres als ein frontaler Angriff auf die europäische Zivilisation selbst.
Der Autoritarist ohne Autorität
Žižek charakterisiert den US-Präsidenten Donald Trump als einen „Autoritaristen ohne Autorität" – eine Formulierung, die es in sich hat. Trump verfüge zwar über enorme Macht und wisse diese auch brutal einzusetzen, indem er ungeschriebene und zunehmend auch geschriebene Regeln verletze. Doch jene stille Selbstsicherheit, die wahre Führungspersönlichkeiten auszeichne, fehle ihm vollständig. Stattdessen sei er geradezu besessen von seinem öffentlichen Image und reagiere mit Brutalität auf jede Kritik.
Der Philosoph erinnert an Ludwig Wittgensteins Einsicht, dass Authentizität und Aufrichtigkeit niemals in der ersten Person benannt werden können. Wer sich selbst als würdig oder authentisch bezeichne, untergrabe damit genau diese Eigenschaften. Und genau das tue Trump permanent – man denke nur an seine empörte Reaktion auf die Nichtverleihung des Friedensnobelpreises, bei der er drohte, sich nicht mehr „ausschließlich an den Frieden" gebunden zu fühlen.
Europa als Hauptfeind der USA
Was Žižek besonders hervorhebt, ist Trumps unverhüllter Hass auf das vereinte Europa. Der US-Präsident bezeichne die EU wiederholt als den Hauptfeind der Vereinigten Staaten – noch vor Russland und China. Diese Einschätzung mag manchem übertrieben erscheinen, doch die Fakten sprechen eine deutliche Sprache: Die massiven Zollerhöhungen von 20 Prozent auf EU-Importe, die Unterstützung für den Brexit und diverse euroskeptische Bewegungen zeigen ein klares Muster.
Besonders aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang die Position des russischen Ideologen Alexander Dugin, der offen ausspricht, was Kreml-Beamte lieber verschweigen. Dugin propagiert eine „tripolare Welt" aus USA, Russland und China, in der für ein unabhängiges Europa schlicht kein Platz vorgesehen ist. Seine Worte sind unmissverständlich:
„Wir haben nichts gegen die Annexion Grönlands und den Krieg zwischen den USA und der EU. Aber Eurasien gehört uns. Wir haben unsere eigene, russische Version der Monroe-Doktrin."
Die innere Kolonialisierung Amerikas
Doch Trump beschränkt sich nicht auf außenpolitische Aggressionen. Žižek beschreibt eine beunruhigende Entwicklung innerhalb der USA selbst: Die Einwanderungsbehörde ICE fungiere in demokratisch dominierten Großstädten wie eine Kolonialmacht, die Bürgern ihre Grundrechte entziehe. Die Behörde erlaube ihren Beamten, bei Razzien ohne richterliche Anordnung gewaltsam in Wohnungen einzudringen.
Noch besorgniserregender sind Trumps Andeutungen bezüglich der Zwischenwahlen. Der Präsident habe bereits davon gesprochen, diese möglicherweise abzusagen – angeblich im Scherz. Doch wie Žižek treffend bemerkt: Trump beginne regelmäßig mit Ideen, die wie schlechte Witze klingen, um sie dann tatsächlich umzusetzen. Grönland kaufen? Kein Scherz mehr.
Das Ende der liberalen Weltordnung
Die liberale Weltordnung, so Žižek, zerfalle nicht von selbst – sie werde aktiv zerstört. Und die Verursacher seien eindeutig identifizierbar: die populistische Rechte, angeführt von Trump und Putin. Selbst Viktor Orbán habe in einem Facebook-Beitrag eingeräumt, dass die liberale Weltordnung zerfalle und die kommenden Jahre „instabiler, unvorhersehbarer und gefährlicher" würden.
Was die Großmächte an Europa störe, sei nicht das real existierende Europa mit all seinen Schwächen und Versäumnissen. Es sei vielmehr die europäische Idee von Zivilisation selbst, die ihren Zorn errege. In Trumps neuer Nationaler Sicherheitsstrategie werde sogar von einer drohenden „Auslöschung der Zivilisation" binnen 20 Jahren gesprochen – aus europäischer Sicht befinde sich jedoch gerade Trumps Amerika in einem Prozess zivilisatorischer Selbstzerstörung.
Europas Scheideweg
Žižeks Fazit ist so klar wie unbequem: Es gebe kein Zurück zur alten Ordnung, weder zur liberalen Weltordnung noch zur „objektiven Sozialdemokratie". Europa stehe vor einer brutalen Entscheidung – entweder den Traum aufgeben und sich der neuen Barbarei anschließen, oder die schwierige Aufgabe annehmen, die europäische Zivilisation zu bewahren und auf eine höhere Ebene zu heben.
Für Deutschland und die neue Bundesregierung unter Friedrich Merz bedeutet dies eine gewaltige Herausforderung. Merz selbst hat betont, dass Europas größte Stärke in der Fähigkeit liege, „Partnerschaften und Allianzen unter Gleichen aufzubauen, die auf gegenseitigem Vertrauen und Respekt basieren". Doch wie soll dies gelingen, wenn der wichtigste bisherige Verbündete zum erklärten Gegner wird?
Die Unterstützung der Ukraine gegen die russische Aggression, so Žižek, sei Teil der Treue zur alten Ordnung. Bei all ihren Fehlern sei der ukrainische Widerstand ein „Akt beispiellosen Volksheldentums". Diese Einschätzung mag man teilen oder nicht – doch eines ist gewiss: Europa muss endlich erwachsen werden und seine eigenen Interessen definieren, statt sich zwischen den Großmächten zerreiben zu lassen.












