
Kiews Überlebenskampf im Eiswinter: Selenskyj stellt Bedingungen für Davos-Reise

Während die ukrainische Hauptstadt bei zweistelligen Minusgraden buchstäblich erfriert, spitzt sich die diplomatische Lage weiter zu. Präsident Wolodymyr Selenskyj macht einen Besuch beim Weltwirtschaftsforum in Davos von konkreten Zusagen abhängig – ein Zeichen dafür, dass selbst in Zeiten größter Not die politische Taktik nicht ruht.
Humanitäre Katastrophe in der ukrainischen Hauptstadt
Die Zahlen sprechen eine erschütternde Sprache: Nach dem jüngsten russischen Luftangriff sind mehr als 5.600 Wohngebäude in Kiew ohne Heizung. Bei Temperaturen von bis zu minus 14 Grad Celsius bedeutet dies für Hunderttausende Menschen einen Kampf ums nackte Überleben. Bürgermeister Vitali Klitschko berichtete von unterbrochenen Wasser- und Stromversorgungen, beschädigten Schulgebäuden und mindestens einer verletzten Frau.
Der UN-Menschenrechtskommissar Volker Türk fand deutliche Worte für die Situation. Die russischen Angriffe auf die Energieinfrastruktur könnten nur als „grausam" bezeichnet werden. Kinder und ältere Menschen gehörten zu den am stärksten gefährdeten Personen. Angriffe auf Zivilisten und zivile Infrastruktur seien ein klarer Bruch der Kriegsregeln.
Selenskyjs Pokerspiel um internationale Unterstützung
Trotz der dramatischen Lage in seinem Land zeigt sich der ukrainische Präsident erstaunlich selbstbewusst. Seinen Besuch beim Weltwirtschaftsforum macht er von konkreten Vertragsunterzeichnungen oder weiteren Hilfszusagen abhängig. „Wenn die Dokumente fertig sind, dann wird es ein Treffen mit US-Präsident Donald Trump und eine Reise geben", erklärte Selenskyj gegenüber Journalisten.
Diese Haltung mag auf den ersten Blick verwundern, doch sie offenbart das Dilemma eines Landes, das auf internationale Hilfe angewiesen ist und gleichzeitig seine Verhandlungsposition nicht vollständig aufgeben möchte. Die Zahlen, die sein Vizeregierungschef Taras Katschka in Davos präsentierte, verdeutlichen die Dimension des Problems: Rund 600 Milliarden Euro würde der Unterhalt der ukrainischen Armee in den nächsten zehn Jahren kosten – Geld, das größtenteils von außen kommen müsste.
Russland erhebt schwere Vorwürfe gegen Washington
Während die Ukraine um Unterstützung ringt, verschärft Moskau den Ton gegenüber den Vereinigten Staaten. Außenminister Sergej Lawrow warf Washington vor, Versprechen bezüglich der Freilassung russischer Besatzungsmitglieder eines beschlagnahmten Öltankers nicht eingehalten zu haben. Die USA hatten den unter russischer Flagge fahrenden Tanker „Marinera" Anfang des Monats im Nordatlantik beschlagnahmt – angeblich Teil der sogenannten Schattenflotte, die unter Verstoß gegen US-Sanktionen Öl transportiert.
„Uns wurde versichert, dass auf höchster Ebene eine Entscheidung über ihre Freilassung getroffen worden sei. Die Tage danach haben leider gezeigt, dass die Entscheidung nicht umgesetzt worden sei."
Moskau bezeichnete die Beschlagnahmung als illegal und warf Washington vor, Spannungen zu schüren und die internationale Schifffahrt zu bedrohen.
Macrons überraschender Vorstoß
Inmitten dieser angespannten Lage sorgte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron für einen diplomatischen Paukenschlag. In einer Kurznachricht an Donald Trump – die dieser prompt veröffentlichte – schlug er ein G7-Treffen in Paris vor, an dem auch Russland teilnehmen könnte. „Ich kann die Ukrainer, die Dänen, die Syrer und die Russen am Rand einladen", schrieb Macron und fügte mit bemerkenswerter Offenheit hinzu: „Ich verstehe nicht, was Du in Grönland tust."
Ob dieser unkonventionelle diplomatische Ansatz Früchte tragen wird, bleibt abzuwarten. Selenskyj selbst zeigte sich skeptisch gegenüber der Idee, gemeinsam mit Russland in einem Gremium zu sitzen – auch wenn die Ukraine offiziell zur Teilnahme an Trumps geplantem globalem Friedensrat eingeladen wurde.
Die Luftabwehr wird neu organisiert
Angesichts der verheerenden Angriffe – allein in der letzten Nacht setzte Russland mehr als 300 Drohnen sowie zahlreiche ballistische Raketen und Marschflugkörper ein – baut die Ukraine ihre Luftverteidigung grundlegend um. Der Fokus liegt künftig verstärkt auf Abfangdrohnen und mobilen Einheiten. Pawlo Jelisarow wurde zum stellvertretenden Befehlshaber der Luftwaffe ernannt, um diese Neuausrichtung zu leiten.
Besonders besorgniserregend: Das stillgelegte Atomkraftwerk Tschernobyl hat nach Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde seine gesamte externe Stromversorgung verloren. Mehrere für die nukleare Sicherheit wichtige Umspannwerke seien von den Militäraktivitäten betroffen. Eine Erinnerung daran, dass die Folgen dieses Krieges weit über die unmittelbaren Kampfhandlungen hinausreichen könnten.
Deutschlands Rolle in der Krise
Die Bundesregierung warnte unterdessen, die Energieversorgung der Ukraine stehe kurz vor dem „Kollaps". Das Auswärtige Amt stellte weitere 60 Millionen Euro an humanitärer Hilfe zur Verfügung. Man unterstütze Bargeldhilfen für Menschen in frontnahen Gebieten, Notstromaggregate für Schutzräume, Heizsysteme, Kleidung und Decken.
Ob diese Hilfen ausreichen werden, um den härtesten Winter seit Kriegsbeginn zu überstehen, ist mehr als fraglich. Die Frage, die sich viele deutsche Bürger stellen dürften: Wie lange kann und will Deutschland diese massive Unterstützung noch leisten – und wer trägt am Ende die Kosten für diesen scheinbar endlosen Konflikt?












