Grosz kritisiert CDU: Wahlversprechen und Schuldenpolitik
Es gibt Sätze, die bleiben hängen. „Es ist immer Luft nach unten.“ Mit dieser trockenen Korrektur reagiert der österreichische Publizist Gerald Grosz, als Dominik Kettner fragt, wie tief die Zustimmung zu Friedrich Merz eigentlich noch fallen könne. Was folgt, ist eine Generalabrechnung mit der Union, mit dem Berliner Politikbetrieb und mit einem Demokratieverständnis, das Wahlergebnisse offenbar nur dann akzeptiert, wenn sie den Etablierten gefallen.
Man muss Grosz' Tonlage nicht in jeder Zuspitzung übernehmen. Sie ist sein Markenzeichen, laut, bildgewaltig und bewusst provokant. Doch hinter der Polemik steht eine Analyse, die gerade für sicherheitsbewusste Sparer hochrelevant ist. Es geht um gebrochene Wahlversprechen, um eine Schuldenpolitik, die künftige Generationen belastet, und um die Frage, wie verlässlich politische Zusagen in Deutschland noch sind.
Wenn der Wahlsieger zum Problem erklärt wird
Ausgangspunkt des Gesprächs sind die jüngsten Landtagswahlen. Grosz nennt für Sachsen-Anhalt ein Ergebnis von 44 Prozent für die AfD und ihren Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund. Für den Publizisten ist das kein Betriebsunfall, sondern ein klares demokratisches Votum. Umso schärfer kritisiert er die Reaktionen darauf.
Als Beispiel führt Grosz an, dass bei der Innenministerkonferenz das bisherige Einstimmigkeitsprinzip aufgeweicht werden solle. Der Effekt sei aus seiner Sicht eindeutig: Ein AfD-geführtes Innenministerium könnte so keinen Einfluss mehr geltend machen. Hinzu komme die wieder aufgeflammte Debatte über ein AfD-Verbot, die zuletzt auch im Thüringer Landtag geführt worden sei.
„Die Demokratie ist in Deutschland der wesentliche Schatz des Staatsvolkes und nicht der politischen Eliten. Die Demokratie schützt die Bürger und nicht die Mächtigen.“ – Gerald Grosz
Die „Gouvernantendemokratie“
Grosz prägt dafür einen eigenen Begriff: Gouvernantendemokratie. Gemeint ist ein System, das dem Wähler nicht mehr zutraut, selbst zwischen Gut und Schlecht zu unterscheiden. Es spannt ihm deshalb ein Korsett, in dem nur noch „würdige“ Ergebnisse erlaubt sind. Spielregeln nachträglich zu ändern, weil das Ergebnis missfällt, ist für ihn das eigentliche Alarmsignal.
Grosz zieht sogar eine historische Parallele zur Weimarer Republik. Er betont allerdings ausdrücklich, dass er die Gefahr nicht in der Existenz der AfD sieht. Gefährlich seien Politiker, die im Namen der Demokratie zu Mitteln griffen, die mit den Grundfreiheiten der Bürger kollidierten.
Unsere Einschätzung: Die Frage muss erlaubt sein, wie viel Vertrauen ein politisches System verspielt, wenn Millionen Bürger den Eindruck gewinnen, ihre Stimme zähle nur unter Vorbehalt. Wer die Regeln im laufenden Spiel ändert, beschädigt am Ende das Fundament, auf dem er selbst steht.
Kommunizierende Gefäße: Wovon der Aufstieg der AfD wirklich lebt
Ist die AfD eine echte bürgerliche Kraft geworden? Oder profitiert sie nur davon, dass die Union ihr konservatives Erbe „im Altpapier entsorgt“ hat, wie Dominik Kettner es formuliert? Grosz antwortet mit einem Bild aus der Physik. Etablierte Parteien und AfD bildeten kommunizierende Gefäße: Je stärker die einen an Glaubwürdigkeit verlieren, desto höher steigt der Pegel bei der anderen.
Historisch ist die Entwicklung gut dokumentiert. Die AfD wurde 2013 als Partei eurokritischer Ökonomen und Professoren gegründet. Ihren eigentlichen Schub erlebte sie nach der Migrationsentscheidung von Angela Merkel im Jahr 2015 und dem berühmten Satz „Wir schaffen das“. Diesen Kurs habe Friedrich Merz nach Ansicht von Grosz nicht korrigiert.
Was die Wähler laut Grosz wirklich wollen
Besonders scharf weist Grosz die Darstellung zurück, AfD-Wähler seien bloß emotionale „Wutbürger“. Er hält sie für ausgesprochen rational und nennt vier Motive:
- Freiheit: weniger Bevormundung, weniger Bürokratie, mehr Eigenverantwortung
- Sicherheit: im öffentlichen Raum, an Schulen, in den Städten
- Wohlstand: bezahlbare Energie, stabile Arbeitsplätze, eine funktionierende Industrie
- Denkzettel: eine klare Quittung für ein politisches System, das aus ihrer Sicht gescheitert ist
Dazu kommt eine demografische Beobachtung, die für die Union unbequem ist. Laut Grosz liegt die AfD bei den Jungen und bei den Leistungsträgern zwischen 40 und 60 vorne. Union und SPD stützten sich dagegen vor allem auf die ältesten Jahrgänge mit traditioneller Parteibindung. Das sei eine Wählerbasis, die naturgemäß schrumpft. Für die Union nennt er 19 Prozent, für die SPD 12 Prozent, für Merz persönlich eine Zustimmung von gerade noch 11 Prozent.
„Darf ich dich korrigieren, Dominik: Es ist immer Luft nach unten. Auch für Friedrich Merz, auch für die Union ist noch Luft nach unten.“ – Gerald Grosz
Das gebrochene Versprechen: Die Schuldenbremse fällt
An dieser Stelle wird das Gespräch für Anleger besonders brisant. Den entscheidenden Wortbruch verortet Grosz nicht in der Migrationsfrage, sondern beim Geld. Und hier lassen sich die Fakten sauber nachzeichnen.
Im Wahlkampf zur Bundestagswahl am 23. Februar 2025 präsentierte sich die Union als Hüterin solider Staatsfinanzen. Nur wenige Wochen später, am 18. März 2025, beschloss der alte, bereits abgewählte Bundestag mit Zweidrittelmehrheit eine Änderung des Grundgesetzes. Der neue Bundestag konstituierte sich erst am 25. März. Die Eckpunkte:
- Verteidigungsausgaben oberhalb von 1 Prozent des BIP sind von der Schuldenbremse ausgenommen, faktisch ohne Obergrenze.
- Ein Sondervermögen Infrastruktur über 500 Milliarden Euro wurde geschaffen, davon 100 Milliarden für den Klima- und Transformationsfonds.
- Den Ländern wird zusätzlich ein struktureller Verschuldungsspielraum von 0,35 Prozent des BIP eingeräumt.
Grosz spricht von einem Vorgehen „entgegen jeglicher demokratischer Gepflogenheit“. Die Zinsen dafür, so seine Warnung an die Zuschauer, würden „deine Kinder und deine Enkelkinder“ bezahlen.
Wer die Rechnung am Ende begleicht
Hier setzt der Kettner-Blick an. Schulden verschwinden nicht, sie werden bedient: über Steuern, über Kürzungen oder über die stille Variante, die Inflation. Ein Staat mit wachsendem Schuldenberg hat einen strukturellen Anreiz, diese Last real zu entwerten. Für den Sparer bedeutet das eine schleichende Enteignung, Jahr für Jahr, ohne dass je ein Gesetz darüber abgestimmt wird.
Unsere Einschätzung: Die Episode vom März 2025 lehrt vor allem eines. Selbst Regeln mit Verfassungsrang lassen sich in wenigen Tagen kippen, wenn es politisch opportun erscheint. Wer sein Vermögen ausschließlich in Euro hält, vertraut darauf, dass genau das nicht wieder passiert. Genau deshalb setzen immer mehr Menschen auf physisches Gold, ein Wertaufbewahrungsmittel, das kein Parlament per Mehrheitsbeschluss vermehren kann.
Auch international wird übrigens neu über die Rolle des Goldes im Geldsystem nachgedacht. Lesenswert ist dazu unser Beitrag über goldgedeckte US-Anleihen und eine mögliche Rückkehr zum Goldstandard.
Die Brandmauer als bequeme Ausrede?
Den zweiten großen Wortbruch sieht Grosz in der Migrationspolitik. Auch hier lohnt der Blick in die Chronik. Ende Januar 2025 brachte die Unionsfraktion einen Entschließungsantrag zur Begrenzung der Migration durch den Bundestag, der mit Stimmen der AfD eine Mehrheit fand. Wenige Tage später, am 31. Januar 2025, scheiterte das sogenannte Zustrombegrenzungsgesetz im Plenum, weil nicht genügend Abgeordnete zustimmten.
Grosz liest daraus eine Strategie. Seine These: Die Brandmauer diene Merz vor allem dazu, die eigenen Versprechen nicht einlösen zu müssen. Viele der Unionsziele seien realistisch nur mit Mehrheiten jenseits von SPD und Grünen umsetzbar. Indem man diese Mehrheiten kategorisch ausschließe, habe man stets eine Begründung, warum es leider nicht gehe.
Versprechen und Wirklichkeit aus Sicht von Grosz
- Versprochen: Unantastbare Schuldenbremse. Geliefert: Grundgesetzänderung mit der alten Mehrheit.
- Versprochen: Migrationswende und Begrenzung. Geliefert: nach Grosz' Urteil vor allem Rhetorik.
- Versprochen: konservative Kurskorrektur nach der Merkel-Ära. Geliefert: eine Koalition mit der SPD und Kompromisse bei zentralen Themen.
- Versprochen: klare Worte, etwa in der Stadtbild-Debatte im Herbst 2025. Geliefert: laut Grosz ein schneller Rückzieher unter öffentlichem Druck.
„Du kannst nicht über Jahre und Jahrzehnte den Wählern ein X für ein U vormachen.“ – Gerald Grosz
Grosz verweist auf sein aktuelles Buch „Ausgemerzt“, in dem er auf rund 220 Seiten genau dieses Muster nachzeichnet. In seiner Lesart sind es die Scheinkonservativen, die rechts blinken und links abbiegen, in Deutschland wie in Österreich.
„Verfault wie die ÖVP“: Das italienische Menetekel
Der Satz, der dem Gespräch seinen Titel gibt, fällt bei einer Frage zur inneren Verfassung der CDU. Grosz' Antwort ist ein Vergleich mit Italien. Die einst übermächtige Democrazia Cristiana, die das Land jahrzehntelang dominierte, zerbrach Anfang der 1990er-Jahre im Zuge der Korruptionsermittlungen von „Mani pulite“. 1994 löste sie sich auf. An ihre Stelle traten neue Kräfte, bis hin zur heutigen Regierungschefin Giorgia Meloni.
Für Grosz ist das eine Blaupause. Parteien, die ihre Prinzipien vergessen, würden zu „Beutegemeinschaften“, die nur noch Restbestände von Macht verwalten. Er erinnert in diesem Zusammenhang an Affären aus den Reihen der Union, von der bayerischen Amigo-Affäre der frühen 1990er bis zur Masken-Affäre der Corona-Zeit. Seine Kernthese: Merz sei nicht die Ursache, sondern das sichtbare Zeichen eines tieferen Problems.
„Er ist ja nur das Symptom. Die Entzündung liegt viel tiefer.“ – Gerald Grosz über Friedrich Merz und die Union
Die verlorene Stammklientel
Besonders bitter fällt Grosz' Bilanz bei den traditionellen Kernwählern der Christdemokraten aus. Diese Gruppen fühlten sich laut Grosz im Stich gelassen:
- Landwirte, die unter Brüsseler Regulierung ächzen
- Mittelständische Unternehmer, erdrückt von Bürokratie und Abgaben
- Die Industrie, die angesichts hoher Energiepreise abwandert
- Freiberufler, die sich politisch kaum noch vertreten sehen
Österreich dient ihm dabei als Spiegel. Die FPÖ wurde bei der Nationalratswahl im September 2024 mit knapp 29 Prozent stärkste Kraft. Grosz nennt für heute Umfragewerte um 40 Prozent. In der Steiermark regiert mit Mario Kunasek seit Dezember 2024 ein freiheitlicher Landeshauptmann. Und beim Thema Pflege erinnert Grosz daran, dass Österreich den umstrittenen Pflegeregress, also den Zugriff auf das Vermögen Pflegebedürftiger, 2018 abgeschafft hat. Deutschland, so seine Kritik, wiederhole nun Fehler, aus denen das Nachbarland längst gelernt habe.
Gerade dieser Punkt sollte jeden Leser aufhorchen lassen. Wenn der Staat im Alter auf das Ersparte zugreift, trifft es ausgerechnet jene, die ein Leben lang vorgesorgt haben. Wer frühzeitig über die Struktur seines Vermögens nachdenkt, behält mehr Spielraum.
Kein Kollaps, aber ein Weckruf
Zum Schluss stellt Dominik Kettner eine Entweder-oder-Frage: AfD-Kanzler oder offener Systemkollaps in fünf Jahren? Grosz' Antwort überrascht. Einen Systemkollaps werde es nicht geben. Er hält die Erzählung vom drohenden Zusammenbruch der Demokratie für ein Instrument der Angst. Am Höhepunkt der Krise solle der Wähler wieder brav die Parteien der sogenannten Mitte als Garanten der Stabilität wählen.
Was Deutschland stattdessen brauche, fasst er in einer Formel zusammen, die bewusst an Willy Brandt erinnert: mehr Demokratie wagen. Mehr Debatte, mehr konstruktiven Streit, mehr politischen Wettbewerb. Das Klagen von Union und SPD erklärt er damit, dass beide nach Jahrzehnten des Wechsels zwischen Schwarz und Rot erstmals echter Konkurrenz begegnen. Die AfD sei der „Hecht im Karpfenteich“.
Grosz macht keinen Hehl daraus, dass er sich eine Regierungsbeteiligung der AfD wünscht. Er fügt aber eine bemerkenswerte Bedingung hinzu: Halte die Partei ihre Versprechen nicht, werde sie „genauso schnell verschwinden, wie sie gekommen ist“. Das ist ein Maßstab, den man an jede Partei anlegen sollte.
Was das für Ihr Vermögen bedeutet
Man kann über Parteien und Personen trefflich streiten. Für den Sparer bleibt eine nüchterne Erkenntnis, die quer zu allen Lagern gilt: Politische Versprechen sind keine Vermögenssicherung. Die Schuldenbremse galt als in Stein gemeißelt, bis sie es nicht mehr war. Wer sein Erspartes allein auf das Wohlwollen künftiger Mehrheiten baut, geht ein Risiko ein, das er selbst nicht kontrolliert.
Unsere Einschätzung: In Zeiten wachsender Staatsschulden, schwindenden Vertrauens und häufiger Regeländerungen gewinnt physisches Edelmetall als stiller Anker an Bedeutung. Gold ist die älteste Währung der Menschheit. Es hat jede Papierwährung überlebt, die je versucht hat, es zu ersetzen.
Praktische Schritte für mehr finanzielle Eigenständigkeit
- Physisch statt Papier: Achten Sie darauf, dass Sie echtes Metall besitzen und keine bloße Forderung. Warum diese Unterscheidung entscheidend ist, zeigt unser Beitrag Papiergold im Comeback: Die entscheidende Frage bleibt offen.
- Bewährte Anlagemünzen wählen: Weltweit anerkannte Goldmünzen lassen sich jederzeit handeln. Klassiker sind der 1 Unze Gold Krügerrand 2026, der Wiener Philharmoniker, das kanadische Maple Leaf oder das australische Känguru.
- Breit streuen: Wer Motive und Prägestätten mischt, etwa mit dem American Eagle, der britischen Britannia, dem China Panda oder den Sammlermotiven der Lunar-Serie, bleibt beim späteren Verkauf flexibel.
- Kleine Einheiten einplanen: Für den Notfall oder als Einstieg eignen sich kleine Stückelungen wie der 0,1g Goldbarren von Heimerle und Meule oder der 0,5g Gold Deutscher Adler 2026.
- Größere Beträge effizient anlegen: Für höhere Summen bieten Goldbarren in der Regel ein günstiges Aufgeld je Gramm.
Wer Wert auf historische Substanz legt, findet in den Schweizer Klassikern eine besondere Wahl: das Vreneli zu 10 Franken und das Vreneli zu 20 Franken. Die Goldtradition der Eidgenossen sorgt übrigens immer wieder für Diskussionen, wie unser Beitrag über den Goldzähne-Vorwurf gegen die Schweiz zeigt.
Und wer wissen möchte, wo der Markt aktuell steht, findet in unserer Analyse Gold zittert um die 4.000er-Marke eine fundierte Einordnung. Eine Prognose für die Zukunft ist das ausdrücklich nicht, wohl aber ein Blick auf die Kräfte, die den Preis bewegen.
Fazit: Vertrauen ist gut, Eigenverantwortung ist besser
Gerald Grosz liefert keine ausgewogene Talkshow-Analyse, und das will er auch nicht. Er liefert eine Kampfansage an politische Beliebigkeit. Man mag seine Bilder drastisch finden. Doch die Fakten, auf die er seine Kritik stützt, sind dokumentiert: die gekippte Schuldenbremse durch den alten Bundestag, das gescheiterte Migrationsgesetz, der wachsende Abstand zwischen Wahlkampf und Regierungshandeln.
Für Sie als Anleger ist die Konsequenz klar. Wer sich auf Versprechen verlässt, wird enttäuscht. Wer selbst vorsorgt, bleibt handlungsfähig. Das vollständige Gespräch mit Gerald Grosz, inklusive seiner Ausblicke auf Österreich und Deutschland, sehen Sie im eingebetteten Video. Bei Fragen zu Ihrer persönlichen Edelmetall-Strategie steht Ihnen das Team von Kettner Edelmetalle jederzeit beratend zur Seite.




